Mittwoch, 19. Juni 1996

19. Juni

"Na dann los."
Ich habe es nicht mehr ausgehalten, dieses Geschmolle von Doris. Ich hab ihr gesagt, wir müssen reden. Da saß sie also in meinem Zimmer und ich meinte: "Ok, ich geb zu, ich hab Scheiße gebaut."
Ok, ich habe es nicht ehrlich gemeint, doch bisher hat es eigentlich fast immer gewirkt.
"Ach ja? Und was glaubst du plötzlich wieso?"
"Na ja, ich hätte halt nicht mit ihr rummachen dürfen, obwohl ich gar nichts von ihr will", sagte ich und fühlte mich dabei absolut Scheiße, weil ich Doris nur vorspielte, daß es mir leid tut.
"Späte Erkenntnis."
"Mein Gott, ja! Denkst du denn, das ist alles so völlig easy für mich? Woher soll ich denn wissen, wie man sich da richtig verhält?"
"Du mußt gar nichts wissen. Du sollst nur nicht mit den Gefühlen von anderen Leuten spielen."
Rumms, Volltreffer! Andererseits spielen die Leute mit meinen Gefühlen auch ständig Pingpong. Warum soll ich es anders machen? Aber so was kann ich Doris nicht sagen.
"Ich hoffe du lernst daraus."
"Ja", sagte ich gequält. So langsam ging mir ihre Moralhaltung auf die Nerven. Doris nahm mich in den Arm und drückte mich. "Du kannst", flüsterte sie mir ins Ohr, "mit so vielen Jungs rummachen wie du willst. Aber wenn ich dahinter komme, daß du es mit einem Mädchen treibst, dann erwürge ich dich." Sie lachte, aber ich glaube fast, sie hat es ernst gemeint. Aber ich habe es geschafft, mich wieder mit ihr zu vertragen. Shit nur, daß ich sie dafür anlügen mußte. Denn eigentlich bin ich immer noch der Meinung, daß ich nix Schlimmes gemacht habe. Aber ich hatte einfach keine Lust auf eine stundenlange Diskussion mit ihr.

"Was machen deine Männer?" fragte sie
"Du bist gut. Welche Männer?"
"Ich weiß es nicht, darum frage ich ja."
"Es gibt niemanden und das ist voll Scheiße."
"Irgendwann wirst du schon jemanden finden." Na toll, auf solche Sätze stehe ich ja. Sie hat ja überhaupt keine Ahnung.
"Bist du wenigstens über die Sache mit Tobias weg?"
"Ja, es ist wieder ok. Ich gehe sogar am Freitag mit ihm zu einem Jazzkonzert."
"Du hörst Jazz?"
"Nee, nicht wirklich, aber er hat mich heute gefragt und gesagt, er kennt sonst niemanden, der mitkommen würde. Er tat mir halt leid und da hab ich zugesagt."
"Ich habe doch gesagt, du sollst nicht mit den Gefühlen anderer Leute spielen."
"Meine Güte, er ist nicht schwul und ich will auch wirklich nichts von ihm und wir gehen einfach nur zusammen in ein bestimmt nerviges Jazzkonzert."
"Aber du hast gesagt, daß er dir leid tut, und daß du deshalb mit ihm hingehst. Mensch sei doch mal ehrlich mit den Leuten!"
Borrh, dieses Mädel konnte aber auch was anstrengend sein. "Ich verspreche dir, daß ich nicht mit seinen Gefühlen spiele. Sofern da überhaupt irgendwelche vorhanden sind bei ihm. Ok? Ich habe im Augenblick nämlich wirklich andere Probleme, als mir darüber Gedanken zu machen."
"Und welche?"
"Das verstehst du nicht."
"Aha, na schönen Dank auch."
"Ach komm, nun werd nicht gleich wieder sauer. Aber was bringt das denn, wenn ich dir hier was vorheule? Daß ich mich permanent in irgendwelche Hetero-Jungs verknalle, an die ich sowieso nicht rankomme. Es ist einfach nur absolut Scheiße, wenn man niemand hat, den man in den Arm nehmen kann und mit dem man kuscheln kann."
"Ich kann dir keinen herbeizaubern."
"Siehst du und genau deshalb bringt es nichts, wenn ich dich hier volljammere."
"Du kennst hier wirklich keinen anderen, der auch schwul ist?"
"Ich kannte nicht mal in Hamburg jemanden, jedenfalls nicht richtig. Hier ist höchstens dieser eine Typ aus der Oberstufe."
"Wer?"
"Er ist in der Oberstufe, aber mehr kann ich dir nicht sagen. Er hat totalen Schiß, daß jemand auch nur auf die Idee kommt, daß er schwul ist."
"Na siehst du, also kennst du doch jemanden."
"Das ist aber nun absolut nicht mein Typ."
"Ach nun bist du auch noch wählerisch."
"Was heißt denn wählerisch? Ich nehme doch nicht den Erstbesten nur weil der zufällig auch schwul ist. Du hast dir deinen Typen doch auch ausgesucht und nicht einfach irgend jemanden aus der Klasse genommen, wie Nils zum Beispiel." Ich weiß gar nicht, wieso mir plötzlich Nils rausrutschte.
"Ich hab mir niemanden AUSGESUCHT. Das ist doch nicht wie im Otto-Katalog. Es hat einfach Klick gemacht und wir beide waren hin und weg."
"Na siehst du, bloß bei mir macht es immer nur Klick in meinem Kopf und nicht bei dem anderen."
"Hat es bei Nils auch Klick gemacht?"
"Wieso ausgerechnet Nils?"
Shit, sie hatte es doch bemerkt.
"Du hast ihn eben erwähnt."
"Er war nur ein Beispiel, ich hätte auch Florian oder Walter sagen können."
Doris lachte: "Vergiß ihn! Er ist der absolute Mädchenheld, falls du es noch nicht mitgekriegt hast. Ich könnte dir auf Anhieb fünf Mädchen nennen, mit denen er schon zusammen war."
"Ja doch, ich bin ja nicht blöd." Mußte sie denn immer in irgendwelchen Wunden rumbohren?
"Wundert mich, daß du auf ihn abfährst. Ich dachte du stehst eher auf die ruhigeren Typen."
"Ich fahre nicht auf ihn ab", ich schrie sie fast an. So eine Scheiße, ich wollte es nicht zugeben.
"Ist ja schon gut, beruhige dich wieder. "Ich glaube, dir geht es im Moment echt nicht gut."
"Ach ja? Auch schon mitbekommen?"
Sie seufzte. SIE seufzte, nicht ich! Ich glaube das sagt ja nun alles.
"Wir werden schon jemanden für dich finden." Schon wieder dieses WIR. Ich werde noch mal irre. Sie nahm mich wieder in den Arm. "Halt die Ohren steif. Es wird schon", sagte sie zum Abschied. Und komisch, diesmal half es mir.

Dienstag, 18. Juni 1996

18. Juni

"Vielleicht denkst du ja mal darüber nach, was du da angerichtet hast."
Das war der einzige Satz, den Doris heute zu mir gesagt hat. Ansonsten spielt sie die entrüstete, beleidigte oder sonst was Leberwurst und guckt in die andere Richtung. Na gut, wenn sie es nicht anders will. Ich kann auch bockig sein. Flo und Max haben mir erzählt, daß Dimitri gestern noch einen Riesenvortrag gehalten hat, von wegen Ringen ist nicht Prügeln, Beherrschung und alles so was. Flo grinste: "Aber du warst echt gut, wenn du im echten Kampf auch so ringst, dann haben wir einen echten Crack in der Mannschaft." Das tat richtig gut. Aber ich weiß, daß ich das so bestimmt nicht wieder bringen werde. Ich meine, ich war wütend, ich hatte den Kopf ausgeschaltet und alles lief automatisch. Weil ich gar nicht erst nachgedacht habe. Aber wie soll das in einem richtigen Match funktionieren? Nils hat ja gesagt, daß man Fehler macht, wen man wütend auf die Matte geht. Naja, wer weiß.

Beim Krafttraining sind wir heute kaum an die Geräte rangekommen, weil die ganze Bundesliga-Mannschaft trainierte. Nils flüsterte mir immer ganz ehrfürchtig zu, so nach dem Motto 'Guck mal, das ist der und der und der hat schon soundsoviel Punkte gemacht und ist zig mal Meister von irgendwas gewesen.' Ehrlich gesagt, fand ich das nicht so aufregend, aber für Nils schien es wichtig zu sein. "Vielleicht", sagte er, als wir in die Halle gingen, "sollte ich dir keine Einzelstunden mehr geben. Du wirst mir zu gut." Ich muß wohl ziemlich blöd geguckt haben den er lachte los: "Nun guck' nicht so entsetzt. War doch nur'n Joke." Dafür glaubte er wohl, daß er mir jetzt einen tierisch komplizierten Griff zeigen muß. Wir übten und übten doch es klappte einfach nicht. Nils amüsierte sich prächtig, während ich immer frustrierter wurde. Nach einer Stunde hatte aber selbst er genug. "Dasch bagge mer scho", sagte er aber ich bin mir da nicht so sicher. "Na dann mal ab auf die Waage, mal sehen in welche Gewichtsklasse wir dich bringen." Eigentlich wollte ich ihm sagen, daß er endlich dieses "wir machen das und das mit dir" lassen soll, aber ich wollte nicht schon wieder Streß machen. Auf der Waage bin ich fast in Ohnmacht gefallen: 60 kg!!! "Kein Wunder, du hast Muskeln aufgebaut."
"Aber fünf Kilo?!"
"Du mußt halt aufpassen, was du ißt, sonst siehst du irgendwann so aus wie Silvio." Na schönen Dank auch. "Hast du eigentlich inzwischen Trikots?"
"Nee, woher denn?"
"Na dann komm mit, du kannst erst mal zwei alte von mir haben. Ich habe letzte Woche neue bekommen."
Also taperten wir zu ihm. Irgendwie ahnte ich schon was mich erwartete, denn auf dem Weg zu ihm klopfte mein Herz wie wild und ich hatte einen tierischen Kloß im Hals.
Immer noch kein Stuhl in Nils Zimmer. Ich frage mich, wo er überhaupt Hausaufgaben macht. Nils wuselte rum, kramte in seinem Schrank und warf mir zwei Trikots zu: "Ein Blaues und ein Rotes. Müssen dir eigentlich passen. Probier mal."
Shit, warum habe ich das überhaupt mitgemacht? Ich meine, wenn wir zusammen in der Umkleide sind, dann geht es, weil eigentlich immer irgend jemand da ist und ich an was anderes denken kann. Aber jetzt merkte ich, wie ich einen Ständer bekam. Zum Glück meinte er: "Ich bin mal kurz in der Küche, was willst du trinken?"
"Irgendeinen Saft", antwortete ich und er zog ab. Puhh, mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich hörte, wie er in der Küche rumorte und ich saß auf dem Boden, mit diesen beiden Stoffetzen in der Hand und kämpfte mit mir. "Und passen sie?" rief er von unten. "Ja!" rief ich zurück während ich immer noch auf dem Boden saß. Mein Gott, was bin ich feige. Wäre das nicht die Gelegenheit? Aber wie würde er reagieren, wenn er reinkommt und ich stehe da halbnackt mit einem Ständer vor ihm? Ich hörte ihn die Treppe hochkommen. Wenigstens die Schuhe zog ich mir schnell aus. "Oh, du bist ja schnell", sagte er verwundert. Ich guckte ihn genau an. Nein er war nicht enttäuscht, er guckte wirklich nur verwundert und zog die Stirn kraus. "Naja, ich mach ja hier keine Modenschau", was Besseres fiel mir nicht ein. "Und du brauchst sie wirklich nicht mehr?"
"Nee, ich hab haufenweise und ich hab ja gesagt, ich hab noch zwei neue." Er kramte wieder in seinem Schrank. "Sieht ja aus wie ein Strampelanzug mit den langen Beinen", prustete ich los.
"Hä? Was meinst du?"
Ich war plötzlich so albern, daß mir erst hinterher auffiel, was ich sagte: "Naja, die mit dem kurzen Bein sehen einfach geiler aus." Ich hätte mir auf die Zunge beißen können. Shit, was hatte ich denn da gesagt? Zum Glück zuckte Nils nur mit den Schultern und sagte: "Na wenn du meinst." Uff, noch mal Glück gehabt. Dann haben wir noch eine Weile gequatscht und dann bin ich nach Hause gezogen.

Jetzt liege ich auf meinem Bett und stelle mir vor, was hätte passieren können, wenn ich nicht so ein verdammter Feigling gewesen wäre. Aber wenn ich mir überlege, wie Nils reagiert hat, dann kann es auch sein, daß ich es völlig richtig gemacht habe. Wenn er wirklich schwul wäre, dann wäre er nicht aus dem Zimmer gegangen. Ach Shit, über was denke ich hier eigentlich nach? Er ist ein Hetero, der irgendwelche Mädels fickt, die er in der Disco kennengelernt hat. Ich glaube es ist höchste Zeit, daß ich ihn mir aus dem Kopf schlage. Jedesmal wenn ich jemanden Niedliches sehe, dann suche ich fieberhaft nach Zeichen, ob er schwul ist. Das kann ja nicht mehr normal sei. Die Trikots riechen nicht nach Nils sondern nach irgendeinem Waschmittel. Ich werde mal eines anprobieren.

Ja, es paßt gut. Nur muß ich höllisch aufpassen. Wenn ich da drin einen Ständer bekomme, sieht es jeder sofort. Ich glaube ich werde es die Nacht über anlassen.

Montag, 17. Juni 1996

17. Juni

15:05
»Bist du von allen guten Geistern verlassen?« Ich habe Doris heute von Stefanie erzählt, und sie hat voll hysterisch reagiert: »Wie kannst du nur dieses arme Mädchen so hinters Licht führen?« Ich verstand überhaupt nicht, was sie meint. »Aber sie hat mich angerufen und sich mit mir verabredet, sie hat angefangen mit dem Rumknutschen.«
»Dazu gehören immer noch zwei. Warum hast du dich denn überhaupt mit ihr verabredet?«
Damit stapfte sie wütend weg und war für den Rest des Tages nicht mehr ansprechbar. Ich habe sie ein paarmal in der Stunde versucht anzuquatschen, aber sie hat nur das Gesicht verzogen und woanders hingeguckt. Ich verstehe das echt nicht. Ich meine, was kann ich denn nun dafür, daß diese Ziege plötzlich so hysterisch reagiert. Es war doch wirklich so, daß mich angerufen hat. Ich wäre doch nie auf die Idee gekommen, irgendwas mit ihr zu machen, wenn sie nicht angefangen hätte. Und Doris' Reaktion verstehe ich nun auch nicht. Was ist denn plötzlich mit den Leuten allen los? Ich überlege, ob ich Doris noch mal anrufen soll. Aber so, wie sie vorhin war, will sie bestimmt nicht mit mir reden. Ist doch alles irgendwie Scheiße!


22:10
»Coach, können sie nicht mal Tim für das Regioturnier aufstellen?« Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich starrte erst Nils und dann Dimitri an. Zum Glück schüttelte er nur den Kopf: »Das ist zu früh. Nach den Ferien. Nicht früher.« Nils grinste frech.
»Bist du völlig verblödet?« schrie ich ihn an, »ich kann meine Sachen sehr gut selbst regeln!« Nils grinste immer noch: »Anscheinend nicht, jetzt weißt du wenigstens, worauf du hinarbeiten kannst.« Ich war stinksauer. Was bildet dieser Idiot sich eigentlich ein, hier irgendwelche Entscheidungen für mich zu treffen? Was mich am meisten aufregte, war, daß Nils das auch noch lustig fand. Dann bin ich irgendwie ausgerastet und ging auf ihn zu. Er konnte gerade noch aufstehen, aber da war ich schon bei ihm. Ich erwischte seinen rechten Arm, schaffte es, hinter ihn zu kommen, hob ihn aus und beförderte ihn auf die Matte. Tja, Nils, danke, daß wir das beim letzten Mal so gut geübt haben. Mit einem Nelson schulterte ich ihn und guckte in sein völlig erstauntes Gesicht. »Nicht schlecht«, pustete er, »gar nicht schlecht. Aber ich glaube, du kannst wieder von mir runtergehen. So auf Dauer bist du ein bissele schwer.« Als ich mich wieder hochgerappelt hatte, stand Dimitri plötzlich vor mir: »Was soll denn das? Wenn du dich prügeln willst, dann kannst du woanders hingehen. Hier wird nur gekämpft, wenn ich das sage. Ab!« Er zeigte in Richtung Umkleide: »Für dich ist heute das Training zu Ende.«

Ich merkte, wie ich einen knallroten Kopf bekam. Ich guckte nicht nach links oder rechts und verschwand in der Umkleide. Scheiße, ich glaube wirklich, jetzt sind alle Leute völlig abgedreht. Nils kam rein und baute sich vor mir auf: »Du warst gut, Kleiner.« Er lachte, und seine Augen leuchteten. Von einer Sekunde auf die andere war meine Laune wieder o.k. »Du warst sogar sehr gut. Du hast zwar das Überraschungsmoment ausgenutzt, aber was soll’s.«
»Ich war stinksauer auf dich, und vielleicht bin ich es noch.«
Nils legte seine Hände auf meine Schultern: »Das habe ich gemerkt. Aber wenn du wütend bist, machst du Fehler. Gut, vielleicht gerade eben nicht. Aber irgendwann. Wenn du wütend auf deinen Gegner bist, mußt du höllisch aufpassen. Entweder machst du Fehler oder wirst unfair.«
»Schon klar. Ist mit dir alles o.k.?«
»Mit mir? Mich haut so schnell nichts um. Und was die andere Sache betrifft ...«
Komisch, noch vor fünf Minuten hätte ich ihn angebrüllt, aber so wie er da vor mir stand, sagte ich nur noch leise: »Ich mag es nun mal nicht, wenn jemand glaubt, über mich bestimmen zu müssen.«

Er guckte mich an. Dieser Blick! Ich werde noch mal wahnsinnig. Ich versinke in seinen Augen! Ich liebe diese Momente, und gleichzeitig habe ich Angst davor. »Manche Leute«, sagte er, ohne den Blick zu lösen, »muß man eben zu ihrem Glück zwingen.« Dann schlug er mir leicht auf den Kopf und meinte: »Komm, machen wir Schluß für heute. Wir wär's mit Burger?«
»Und dein Training?«
»Ach, was soll's, Dimitri wird zwar toben, aber das ist mir egal. Bis zum nächsten Mal hat er's vergessen.«
»Meinst du?«
»Na klar, und deine Sache auch.«
Wir taperten zu McDonald's, und Nils fragte nach Stefanie.
»Vergiß es«, antwortete ich.
»Wieso? Was ist denn passiert?«
»Nichts ist passiert, das ist es ja gerade.«
»Laß mich raten, entweder wollte sie nicht, oder sie hatte ihre Tage.«
»Das erste.«
Nils' Stimme schraubte sich drei Oktaven höher: »Ach du, das ist mir ja viel zu früh. Wir kennen uns doch gar nicht richtig. Ich will einen Jungen erst mal richtig kennenlernen, bevor ich etwas mit ihm mache.«
Ich prustete so heftig los, daß ich mich fast verschluckte. »So etwa, nur daß sie angefangen hat, und als es dann ein bissele weiter ging, ist sie plötzlich ausgerastet.«
Nils grinste: »That's the way it is, boy. Vergiß sie einfach.«
»Das hab ich schon. Was ist denn mit deinem Mädel?« Mir fällt auf, daß ich ihren Namen vergessen hatte.
»Finito.« Er schien nicht sonderlich traurig darüber zu sein.
»Und wieso?«
Er zuckte mit den Schultern: »Was weiß ich, ich fand's einfach langweilig mit ihr.
Außerdem sind ihre Freundinnen total bescheuert.«
»Und jetzt?«
»Jetzt geht's auf zur nächsten Runde«, sagte er und ging zur Theke, um sich noch eine
Portion Pommes zu holen. Ich weiß nicht, ob er das mit nächster Runde meinte.

Sonntag, 16. Juni 1996

16. Juni

1:25
»Hi, du bist ja wirklich da.«
Na, was hat sie denn gedacht? Obwohl ich eigentlich am liebsten gleich wieder umgedreht wäre, als ich sie aus dem Bus steigen sah. Dieses Mädel hatte sich bis zum Gehtnichtmehr total geschminkt. Na toll, und mit der tauche ich in der Tofa auf. Wenn mich Nils sieht, dachte ich. Der meinte aber nur irgendwann am Abend so was wie: »Wow, hätte ich dir gar nicht zugetraut« und war dann wieder verschwunden.
Komisch war nur, daß er alleine da war und nicht mit seinem Bierdeckel-Mädel. Hab' ich da irgendwas versäumt? Jedenfalls sieht er verboten aus mit seinem Auge.
Na ja, der Abend war am Anfang noch ganz nett. Die Musik war nicht ganz so bekloppt wie beim letzten Mal. Und hinterher saß ich mit Stefanie in einer ruhigen Ecke, und wir haben richtig gut miteinander gequatscht. Nils ließ sich den Rest des Abends nicht mehr blicken. Dann habe ich sie noch zum Bus gebracht, und wir haben uns für heute Nachmittag zum Spazierengehen verabredet.


18:10
»Und hier wohnst du?« Es war wirklich völlig ohne Absicht. Wir taperten durch die Stadt, durch den Park, gingen an meiner Schule vorbei und irgendwelche Straßen lang, die ich noch nicht kannte, und plötzlich standen wir vor unserem Haus. Mir fiel nichts besseres ein, als zu sagen: »Huch, ich bin ja schon zu Hause.«
»Sieht nett aus.«
»Ja ist ganz o.k.« Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Na ja, irgendwie mußte ich sie jetzt wohl fragen, ob sie mit hoch kommen will. »Ja, na klar, gerne.« O.k., dachte ich, dann sieht Mom wenigstens, daß ich hier mit einem Mädel durch die Stadt ziehe, und kommt nicht auf dumme Gedanken. Nur war dummerweise niemand zu Hause. Auf dem Eßtisch lag ein Zettel »Sind zur Marienburg!« Dann eben nicht. Wir quatschten und hörten Musik, wobei sie einen völlig uncoolen Musikgeschmack hat und ständig irgendwas von Take That hören wollte. Dann rutschte sie irgendwie immer näher an mich ran, legte ihre Hand auf meine Schulter, kicherte und guckte mir in die Augen. Himmel, was sollte das denn jetzt. Ich wußte wirklich nicht, wie, aber plötzlich küßte ich sie. Es war ganz automatisch. Sie streichelte mir über den Kopf. Ich wußte nun wirklich nicht, was ich machen sollte. Ich stellte mir vor, es wäre Nils, und plötzlich schien es zu klappen.

Ich bekam sogar einen Ständer. Wir knutschten noch ein bißchen rum, und dann war ich der Meinung, daß das jetzt ja nun irgendwie weiter gehen muß. Also ging ich mit meiner Hand unter ihr T-Shirt und begann ihren Busen zu streicheln. Plötzlich stieß sie mich weg und schrie mich an: »Was fällt dir eigentlich ein?! Du bist ja ein totales Schwein!« Ich saß völlig baff da. Ich glaube, so verdattert war ich bisher noch nie. Was war denn plötzlich mit ihr los? Sie sprang auf, zog sich das T-Shirt runter und brüllte total hysterisch so was wie: »Schwein, Drecksau, Penner!« Dann rannte sie raus, und ich hörte unten die Tür zufallen. Ich saß da und habe bestimmt eine halbe Stunde lang die Wand angestarrt. Mein Gott, was war denn passiert? Was hatte ich denn Schlimmes gemacht? Ich bin noch mal Stück für Stück durchgegangen, aber mir fiel wirklich nichts abartiges ein. Dann bekam ich plötzlich den totalen Lachanfall. Und ich beschloß, daß dieses Mädel einfach nur total daneben ist. Ich riß die Fenster auf, überall hing dieser Geruch von ihrem Parfum in meinem Zimmer und in meiner Nase.

Als ich aus der Dusche kam, kamen gerade Mom, Dad und Lisa zurück. »Wie oft am Tag duschst du eigentlich noch?« fragte Mom. »Ich komme gerade vom Joggen«, sagte ich. Diese Szene mit Stefanie konnte ich ihr nun wirklich nicht erzählen. Aber ich würde am liebsten Nils anrufen und ihn fragen, ob das so üblich ist. Dann könnte ich ihn richtig ein wenig bedauern. Aber das würde nun absolut blöd aussehen. Also lasse ich es lieber und spiele noch ein bissel am Computer.

Samstag, 15. Juni 1996

15. Juni

20:05
»Cool, du bist nachher auch in der Tofa?« fragte Nils.
»Yo, ich gehe mit Stefanie hin.«
»Wer ist denn das?«
»Ach so ein Mädel, das ich auf ner Party kennengelernt habe.«
»Ohoo. Und wie ist sie?«
»Woher soll ich denn das wissen? Ich habe sie doch erst einmal gesehen.«
»Na dann, bis später,« grinste er und rauschte zur Umkleide. Es war ein Heimkampf, und eigentlich hätten wir ja haushoch gewinnen müssen. Ich jedenfalls habe mich total heiser geschrien. Aber irgendwie fehlte den Jungs heute was. Die einzigen, die Punkte machten, waren Silvio und Nils. Und der holte sich auch noch kurz vor Schluß ein total blaues Auge. Als er nach oben auf die Tribüne kam, hielt er sich ein Gelkissen vors Auge.
»Wow, du wirst morgen bestimmt total cool aussehen.«
»Ach, das ist doch gar nix, das geht wieder weg.« Mir wurde fast schlecht, als er die Kompresse abnahm. Alles war total dick, vom Auge war fast nichts mehr zu sehen.
»Das soll weggehen? Ich finde, du solltest zum Doktor gehen.«
»Blödsinn, das tut nicht mal weh.« Er schien auf das Ding auch noch stolz zu sein.
»Kommst du noch mit zu mir?«
Shit, das hätte ich so gerne gemacht. Aber ich habe Stefanie versprochen, sie am Bus abzuholen. »Ach jaaaaa,« grinste er, »deine neue Flamme.« Eigentlich hätte ich ihm noch das andere Auge blau schlagen sollen, aber er war schon außer Reichweite. Was mache ich hier bloß? Ich habe eine Date mit einem völlig uninteressanten Mädel und lasse dafür einen Abend mit Nils sausen. Na ja, was soll’s. Ich hätte wahrscheinlich sowieso wieder nur schmachtend dage-sessen, während er halbnackt durch sein Zimmer rennt. Vielleicht ist es ja besser so. Ich glaub, ich werde heute mal im Skaterlook gehen.

Freitag, 14. Juni 1996

14. Juni

»Das ist eine Riesenschweinerei so was«, tobte Alfinger, als wir heute zum Sport kamen. Erst wußte keiner so richtig, was los war. Aber innerhalb von zwei Stunden wußte die ganze Schule, was passiert war. Alfinger hatte, kurz bevor wir Sport hatten, zwei Jungs erwischt, die zusammen unter der Dusche gewichst haben. Es gab wohl einen Riesenterz so mit Direktor und allem Blabla. Na toll, das schien sich ja richtig zur Wir-machen-mal-die-Schwulen-fertig-Woche zu entwickeln. Natürlich gab es jede Menge dummer Sprüche von den anderen, auch von Nils, was mich ziemlich ankotzt. Und als Krönung ging keiner nach der Stunde unter die Dusche.

Das wirklich Spannende an der Sache war, daß niemand wußte, wer die beiden denn nun eigentlich waren. Absolute Nachrichtensperre. Ich guckte in der Pause auf die Stundenpläne. Aber das brachte mich auch nicht weiter, zwei Neunte hatten vor uns Sport, also war es wohl einer von denen. Aber wer? Ansonsten wurde das Thema absolut totgeschwiegen. Zwar wußte jeder Bescheid, was passiert war, aber niemand redete mit dem anderen darüber. Ich fragte Doris nach der Schule, was sie glaubt, was mit den beiden passiert, aber sie sagte nur: »Wahrscheinlich nichts, man wird mit ihren Eltern reden, aber mehr auch nicht. Das will doch keiner hier an die große Glocke hängen.«

Wahrscheinlich hat sie recht. Shit, wie fühlen sich die beiden jetzt bloß? Ich glaube, ich würde sterben, würde mir eine andere Schule suchen, weit, weit weg, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen.

Oh, Telefon. Na toll, diese Stefanie von Benjis Vereinsfest hat gerade angerufen. Und ich Idiot verabrede mich auch noch morgen mit ihr in der Tofa. Vielleicht sollte ich sie noch mal anrufen und absagen. Aber das sieht dann auch absolut blöd aus. Na gut, dann also morgen wieder eine Runde Dorfdisco. Und dann noch mit einem Mädel.

Donnerstag, 13. Juni 1996

13. Juni

»Heute gibt es mal ein etwas anderes Training.«
Statt Dimitri war heute Werner, der Trainer der 1. Männermannschaft, da. Kein Rumgebrülle wie in der Kaserne, das war ganz o.k. Außerdem hat er uns die Griffe absolut super gezeigt, aus allen Lagen und Stellungen. Aber es war tierisch anstrengend. Zuerst habe ich es gar nicht gemerkt, aber es wurde immer heftiger, und nach drei Stunden waren wir alle total fertig, sogar Nils.

»Das war etwa ein Zehntel von dem, was wir in der Ersten machen.«
Ach ja? Na toll, ich wollte sowieso nicht in die Bundesliga. Ich frage mich, wie man so was überhaupt aushalten kann. Ich saß völlig ausgelaugt auf der Bank in der Umkleide, als Nils reinkam. Er schien wieder total frisch zu sein, beneidenswert: »Don't say we didn't warn you!«
»Ach ja?« Ich bekam einen Hustenanfall.
»Na ja, wird schon, war wirklich heftig heute.«
Florian kam rein: »Tim! Du sollst noch mal reinkommen.«
Ich guckte Nils an, aber der zuckte nur mit den Schultern: »Keine Ahnung, vielleicht darfst du die Matte fegen.«
»Du bist der Neue, stimmt's?« fragte Werner.
»Na ja, nicht mehr ganz so neu.«
»Aber du hast vorher nie irgendeinen Kampfsport gemacht, oder?«
»Nein!«
»Na o.k., dann zeige mir mal, was du bisher gelernt hast.«
»Wie jetzt?«
»Na, du sollst mich mal angreifen.«
Ich dachte echt, der Typ hat ein Rad ab. Er war doch mindestens 30 Kilo schwerer als ich und der absolute Crack. Ich stand da und hatte tierisch Schiß.
»Wenn du nicht angreifst, dann greife ich eben an.«
Ich ging zurück und er schob mich quer über die Matte. Ich wußte überhaupt nicht, was ich überhaupt machen sollte, ich hätte bei diesem Koloß nie irgend einen Griff ansetzen können.
»O.k., lassen wir das«, sagte er und setzte sich hin. »Was ist Ringen?«
»Ausdauer, Kraft und Technik«, leierte ich runter, das hatte ich von Nils schon oft gehört.
»Aber zuerst ist es ganz etwas anderes.«
Ich schwieg, weil ich nicht wußte was er sagen wollte.
»Das erste beim Ringen ist, daß du deine Angst überwinden mußt.«
»Welche Angst?«
»Die Angst vor deinem Gegner, die Angst vor dem Kampf, die Angst vor der Auseinandersetzung.«
»Hmmm.«
»Wovor hast du Angst?«
Das werde ich dir gerade auf die Nase binden, dachte ich, aber ich sagte: »Ich weiß nicht.«
»Angst ist wichtig. Sie schützt uns, denn sie läßt uns in bestimmten Situationen vorsichtig handeln. Aber Angst kann dich auch lähmen, sie kann dich total blockieren. Und erst wenn du es schaffst, im richtigen Moment deine Angst zu überwinden, bist du wirklich ein Ringer. Es ist völlig egal, wie groß und schwer dein Gegner ist, wieviele Titel er hat. Du musst rausgehen auf die Matte und das alles vergessen. Wenn du das kannst, wird dir das auch im Leben draußen viel helfen. So, und zum Schluß der Vorlesung zeige ich dir noch mal an einem praktischen Beispiel, was ich meine. Hole noch mal einen von den Jungs raus.«
Ich taperte in die Umkleide. Nils nur im Boxershorts stand vor mir. O.k., Nils, dachte ich, jetzt kommt deine Stunde der Angst: »Du sollst noch mal rauskommen.«
»Etwa so? Und wofür überhaupt.«
Diesmal zuckte ich mit den Schultern: »Vielleicht zum Mattenfegen.«
Er zog sich sein Trikot über und ging mir hinterher.
»O.k.«, sagte Werner, »dann paß mal gut auf.« Und zu Nils sagte er nur: »Standkampf.«
Und Nils griff an. Einfach so, ohne zu zögern griff er diesen Riesen an. Nils hatte keine Chance, aber er war nicht schlecht, und er gab nicht auf. Mir dämmerte, was Werner sagen wollte. Als sie fertig waren, sagte er zu mir: »Das war sozusagen nur die Einführung. Denk einfach ein bissele drüber nach.«
»Was war denn?« fragte Nils, als wir wieder in der Umkleide waren. Die anderen waren schon weg.
»Er hat mir was erklärt.«
»Und was?«
»Ich weiß nicht, ich glaube, ich muß erst mal darüber nachdenken.«
Nils guckte mir in die Augen. Es war wieder dieser Blick, in den ich versinken konnte.
Was hatte Werner eben gesagt? Keine Angst? Verdammt noch mal, ja, ich könnte Nils jetzt einfach umarmen, ihn küssen. Vielleicht würde das alles viel einfacher machen. Shit, aber nein.
»Na, dann denk mal nicht zu lange nach«, riß mich Nils aus meinen Gedanken, »die anderen sind schon in der Pizzeria.«
»Geh' schon mal, ich komme nicht mit.«
Nils zog die Stirn kraus: »Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Ja! Wirklich! Ich muß heute nur über was nachdenken.«
»Na o.k., wir sehen uns morgen.« Nils verschwand.

Meine ganz eigene Liste:
Wovor ich Angst habe:
– Daß jemand rauskriegt, daß ich schwul bin
– Niemanden zu haben
– Daß jemandem aus meiner Family was passiert
– Alleine zu sein

So ein Mist, das hat doch alles nichts mit dem Ringen zu tun, also noch mal:
Wovor ich Angst habe:

– Schmerzen zu haben
– Mich zu verletzen
– Mich zu blamieren
– Nicht mehr zu wissen, wie es weitergeht
– Zu verlieren

O.k., aber was macht man jetzt dagegen? Das hätte ich Werner eigentlich fragen müssen.

12. Juni

»Wie lange willst du denn noch unter der Dusche bleiben?«
Na ja, es war ein Versuch. Aber Benji hat überall hingeguckt, nur nicht dahin, wo er sollte oder wo ich gehofft habe. Statt dessen war er fast die ganze Zeit damit beschäftigt, vom Sprungtrum per Salto oder sonst was ins Wasser zu fallen. O.k., abgehakt.

Gerade mit Doris telefoniert. Sie hat sich noch mal für gestern entschuldigt. Ich habe ihr das von Benji heute erzählt. Das heißt, ich hab natürlich nicht seinen Namen genannt. Doris fragte mich was ganz Komisches: »Teilst du eigentlich alle Jungs in zwei Kategorien ein?«
»Was für Kategorien?«
»Na schwul und nicht schwul.«
Shit, ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber vielleicht hat sie recht.
»Ich kenne hier gar keine Schwulen«, log ich
»Das war nicht meine Frage.«
Mist, sie ist hartnäckig. Ich sagte ihr, daß ich darüber eine Weile nachdenken muß. Und wenn ich es mir richtig überlege, ist es wirklich so. Aber nicht immer. Ich glaube, es ist nur so, wenn ich einen Jungen süß finde. Dann will ich unbedingt wissen, ob er schwul ist oder nicht. Nur leider sind gerade die süßesten Jungs eben nicht schwul und dann werden sie halt abgehakt. Oje, das klingt ja jetzt komisch. Ich meine, das heißt ja jetzt nicht, daß ich nichts mehr mit ihnen zu tun haben will, aber sie sind eben nicht mehr so interessant. Was aber vielleicht auch gar nicht so schlecht ist. Ich überlege gerade, was wäre, wenn so ein niedlicher Typ wirklich mal schwul ist und er dann genauso wenig von mir wissen will wie ich von Boris. Aber ich glaube, darüber mache ich mir jetzt lieber keine Gedanken, sonst werde ich noch absolut paranoia. Ich muß mal Nils fragen, wie das bei den Heten läuft. Ob das da auch so kompliziert ist?

Dienstag, 11. Juni 1996

11. Juni

»Wir machen im Oktober eine Studienfahrt«, überraschte uns Körber heute morgen.
Wow, eine Projekt-Studienfahrt von Bio, Deutsch und GK, na ja, das ist ja nicht so spannend, aber was eben doch cool ist: Wir fahren nach Sylt! Yeah! Ein paar haben natürlich gemotzt, weil wohl andere aus der Schule nach Rom fahren, aber ich finde es cool. Nils findet es überhaupt nicht spannend: »Du warst wohl noch nie auf Sylt, was?« fragte ich ihn.
»Nein. Wir fahren eigentlich in den Ferien immer zum Skilaufen.«
»Ich hasse Berge, und ich hasse Schnee.«
»Gibt's in Hamburg koi Schnee?«
»Natürlich, aber Schnnee ist doch voll eklig, Mann. Immmer ist alles matschig und dreckig.«
»In den Bergen nicht.«
»Pff, auf Berge muß man erst mal raufkommen.«
»Bist du blöd, dafür gibt's Lifte.«
»Ja, aber nur, um dann möglichst schnell wieder nach unten zu fahren.«
»Und was gibt's auf Sylt? Bestimmt nur Sand und Wasser.«
»Ist doch cool, man kann schwimmen, am Strand in der Sonne liegen.«
»Na klar, im Oktober.«
Na ja, da hatte er nun wirklich recht. Aber was soll's. Cool ist es trotzdem.
In Musik hat Doris einen völlig abartigen Spruch abgelassen. Wir haben über irgendwelche Komponisten gesprochen, und Doris blökte plötzlich laut raus: »War er schwul?«
Totenstille. Ich guckte sie nur völlig baff an.
»Nee, Schwule machen andere Musik«, meinte Lehmann, »weiche, tuffige Musik.«
»Anstatt brutaler, atonaler, disharmonischer Musik. Stimmt, das können nur Heteros.«
»Schwule machen nur anale Musik, nicht atonale.«
Alles grölt, es klingelt. Na toll.
»Sag mal, was sollte denn das eben?«
»Kam mir gerade so in den Sinn.«
»Echt krass, die Antwort von der Lehmann, und alle grölen mit.«
»Hätte ich auch nicht gedacht, daß die so drauf ist.«
»Vielleicht sagst du das nächste Mal, wenn dir so was in den Sinn kommt, lieber gar nichts.«

Ich war ziemlich sauer. Eigentlich nicht so sehr auf Doris, sondern auf die Reaktion von Lehmann und den anderen. So sieht das dann nämlich aus. »Ich dachte halt, es wäre eine gute Gelegenheit, das Thema mal aufzubringen.«
»Aber doch nicht so! Du siehst ja, was hier für ne Stimmung herrscht.«
»Ja, isch schon gut.« Sie nahm mich in den Arm und drückte mich: »Es tut mir leid.« Danach ging's mir etwas besser.

Na, wenigstens war es beim Krafttraining heute o.k. Ich konnte wieder ein paar Gewichte höher gehen, und ich finde, meine Brustmuskeln sehen schon ziemlich gut aus. Nils war jedenfalls wieder ganz der alte. Wir üben jetzt immer nur einen Griff pro Session und den bis zum Umfallen. Nils meint, man muß den Bewegungsablauf ins Gehirn einbrennen. Na ja, o.k., er ist der Fachmann, Hauptsache es bleibt danach noch was anderes drin in meinem Kopf. Ansonsten habe ich noch mit Benji telefoniert. Ich weiß gar nicht, wieso, plötzlich hatte ich die Idee, mit ihm schwimmen zu gehen. Yo, wir treffen uns morgen.

Montag, 10. Juni 1996

10. Juni

»Los, in die Mitte!«
Dimitris Finger zeigte auf den inneren Mattenkreis. Na toll, wieder so ein Showkampf. »Nils!« Shit, warum denn schon wieder Nils? Hätte er nicht irgend jemanden anderes nehmen können, Florian zum Beispiel. Wahrscheinlich wäre mir sogar dieser Schwergewichtsidiot Silvio lieber gewesen als Nils. Aber nein, Dimitri war unerbittlich. Ich versuchte, mir alles noch mal ins Gedächtnis zurückzuholen, was er mal gesagt hatte: Nicht in die Augen gucken, keine Angst zeigen. Ich versuchte es. Nur wie soll ich beobachten, was jemand macht, wenn ich ihn nicht richtig angucken kann? Jedenfalls schaffte ich es, unter Nils durchzutauchen und ihn von hinten auszuheben und auf die Matte zu befördern. Plötzlich war ich voll in meinem Element und ließ mich mit meinem ganzen Gewicht auf ihn rauffallen. Ich hörte, wie er schwer pustete, aber es war mir egal. Ich dachte nur: Ich krieg' dich, diesmal kriege ich dich und setze einen Seiteneinsteiger an. Ich hatte ihn fast auf den Schultern. Dummerweise lag mein eigener Arm im Weg, und als ich versuchte, ihn rauszuziehen, konterte Nils, umklammerte mich so fest, daß mir die Luft wegblieb und drehte mich wie ein Baby auf den Rücken.

»Nicht schlecht«, schnalzte Dimitri, aber mir war nicht so ganz klar, ob er damit Nils oder mich meinte. Nils grinste. »Du bist richtig gut geworden«, meinte er später in der Umkleide.
»Danke, ich hab auch einen guten Privattrainer.«
»Morgen wieder?!« Es war eher ein Befehl als eine Frage.
»Yo!«
»In zwei Monaten hab ich dich soweit, daß du deinen ersten Wettkampf machen kannst.«
»Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt schon will.«
Nils hörte auf zu grinsen: »Paß mal auf ...!« Er zog mich am T-Shirt aus der Umkleide zurück in die Halle und schleuderte mich gegen die Wand: »Was glaubst du eigentlich, wofür du hier bist, hä?« Ich war so verdattert über seinen Gefühlsausbruch, daß ich mich überhaupt nicht wehren konnte.
»Du wirst in der Mannschaft ringen, und wenn es nur die Zweite ist. Aber ich krieg' dich schon dahin, und wenn ich es in dich reinprügeln muß.« Was war denn nun wieder mit ihm los? Und dann sagte er noch etwas ganz komisches: »Wenn du dich nur mit anderen Jungs auf dem Boden rumwälzen willst, dann such' dir was anderes, aber nicht diesen Verein hier!« Damit ließ er mich stehen und stapfte zurück in die Umkleide. Ich klebte immer noch an der Wand und überlegte, was er mit dem letzten Satz gemeint hatte. Oh Shit, weiß er irgendwas? Hat er irgendwas mitbekommen? Als ich zurück in die Umkleide kam, war er wieder ganz der alte: »Na? Wieder alles o.k. mit dir?«
Eigentlich hätte ich jetzt auf total sauer machen müssen, aber es ging einfach nicht, also sagte ich so was wie: »Ja, vielleicht hast du ja recht.«
»Ich habe immer recht«, grinste er.

Verdammt, was hat er mit seinem Satz bloß gemeint? Am liebsten würde ich ihn anrufen und fragen. Aber das würde absolut bekloppt aussehen. Shit, weiß er etwa, daß ich schwul bin? Aber woher sollte er es wissen? Vielleicht muß ich in Zukunft mehr aufpassen, was ich sage und wohin ich gucke.

Sonntag, 9. Juni 1996

9. Juni

15:10
»Kannst du vielleicht einmal vorher Bescheid sagen oder anrufen, wenn du wieder mal eine ganze Nacht wegbleibst?«
Mom und Dad sind sauer. Meine Güte, hätte ich sie mitten in der Nacht um 3 Uhr anrufen sollen? Na schönen Dank.

Degendorf ist das absolute Kaff. Wenigstens kann man sich da nicht verlaufen. Wahrscheinlich war das ganze Dorf zum Vereinsfest, jedenfalls kannte jeder jeden. Na ja, und es waren nicht nur Ringer da, sondern scheinbar alles, was in dem Verein so rumrennt, Fußball, Turnen, Tischtennis. Ich kam mir am Anfang schon etwas blöd vor, weil das Ganze schon voll im Gange war und ich niemanden kannte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Benji gefunden hatte. Als er mich sah, stürmte er auf mich zu, hob mich hoch, drehte mich ein paar Mal herum und grölte: »Hey, unser Neuzugang aus Bergbach!« und ließ mich dann wieder runter. Ich wußte nicht, ob ich das komisch finden sollte oder sauer war. Na ja, so wußte nun mindestens die Hälfte der Leute, wer ich war. Irgendwie müssen mich alle wohl für den absoluten Exoten gehalten haben: Wow, Bergbach. Aber sie haben ziemlich verdattert geguckt, als ich erzählt habe, daß ich noch gar keinen Wettkampf mitgemacht habe und nicht schon mal irgendein Meister von irgendwas geworden bin. So wie Benji, der wohl schon zigmal Württembergischer Meister geworden ist. Pff, na und? Dann begann mich Benji irgendwelchen Mädels aus der Turnabteilung vorzustellen. Die kicherten nur blöde, und ich wäre am liebsten wieder abgehauen. Doch er plazierte mich neben einer dickbusigen Blonden und meinte, ich solle sitzenbleiben, er würde gleich was zu essen bringen. Meine Gott, kam ich mir blöd vor. Das Mädel, Stefanie, stellte wieder mal die üblichen Standardfragen. Na ja, es ging dann doch, wir unterhielten uns eine ganze Weile. Nur Benji kam natürlich nicht wieder zurück. Und so zottelten Stefanie und ich dann selber los, um was Eßbares und was zu trinken aufzutreiben. Irgendwann begann dann diese sogenannte Jugenddisco unter freiem Himmel. Na ja, das war ja nun der absolute Krampf. Das Erwachsenenvolk hatte sich allmählich abgesetzt, und der Möchtegern-DJ spielte nur so einen Mist wie »Macarena« oder »Captain Jack«.

Wenigstens hatte jemand ein Faß Bier besorgt, das machte das Ganze noch halbwegs erträglich. Jedenfalls habe ich noch eine Weile mit Peter gesprochen, Er meinte, er wäre auch ein »Freshman« (wow, was für ein Wort) und ob wir nicht mal zusammen trainieren wollten. Ich habe ihm gesagt, daß Degendorf nun doch ein Stück von Bergbach weg liegt, aber da er nicht aufhörte, hab ich ihm eben meine Telefonnummer gegeben. Ich muß wohl auch schon ziemlich breit gewesen sein, denn ich kann mich nicht mal mehr an sein Gesicht erinnern. Gegen zwei tauchte dann die gesammelte Elternschaft wieder auf und beteiligte sich am Abbau und machte Stunk wegen dem Bier. Es schien aber alles irgendwie perfekt organisiert zu sein. Alle Leute wuselten rum, jeder lud etwas in irgendein Auto, und innerhalb kurzer Zeit war der ganze Festplatz leer. Ich glaube, mir wäre es absolut peinlich gewesen, wenn Mom und Dad nach so einem Fest auftauchen und alle gemeinsam abbauen. Na ja, in Degendorf scheinen aber alle eine große Familie zu sein. Schließlich standen Benjamin und ich ziemlich alleine auf der Wiese.
»Wie kommst du denn wieder zurück?«
»Mit dem Bus.«
»Witzbold, der erste Bus fährt erst um sechs.«
»Keine Ahnung, dann trampe ich eben.«
»So ein Quark, du kannst bei mir pennen, mein Vater bringt dich dann morgen früh nach Hause.«
Die Idee hatte ja was, also willigte ich ein. Wir gondelten also mit Benjis Vater durch das nächtliche Degendorf, luden die Tische bei der Freiwilligen Feuerwehr ab und landeten schließlich bei Benji zu Hause. Dann hievten wir eine Matratze in Benjis Zimmer. Wir quatschten noch eine bißchen, und Benji meinte, daß Stefanie mich voll total niedlich gefunden hätte und daß er ihr meine Nummer gegeben hat. Na toll, aber ich war einfach zu müde und zu breit, um mich aufzuregen. Außerdem hatte ich damit zu tun, woanders hinzugucken als zu Benji, der nur in seinen Boxershorts auf seinem Bett lag. Dann schlief er ein, fing an zu schnarchen, und ich war hellwach.

So eine Scheiße. Da lag ich mit meinem Ständer neben Benji und konnte nicht mehr einschlafen. Ich mußte irgendwas machen. Also habe ich mir so leise, wie es ging, einen runtergeholt. Als ich wieder aufwachte, war es schon nach neun. Mein Kopf dröhnte, und ich rannte erstmal aufs Klo, um mein Bier von gestern loszuwerden. Benji schlief noch, als ich wieder in sein Zimmer kam. Er hatte eine Morgenlatte. Auf was hatte ich mich da bloß eingelassen? Ein paar Meter weiter wuselten Benjis Eltern durch die Gegend, und hier sind zwei fast nackte Jungs mit einem Ständer im Raum. Ich beeilte mich, meine Klamotten zu finden, und zog mich so leise wie möglich an. Doch Benji wachte auf: »Na, gut gepennt?«
»Ging so«, sagte ich
Dann bemerkte er seinen Ständer und kriegte wohl auch mit, daß ich hingeguckt habe. Er bekam einen knallroten Kopf und griff sich die Decke.
»Ich geh schon mal vor«, sagte ich und beeilte mich, aus diesem Zimmer zu kommen.
»Na, alles wieder frisch?« grinste Benjis Vater.
»Geht so, der Kopf dreht sich noch etwas.«

Nach einer Tablette und einer riesigen Portion Flakes ging es mir dann besser. Benji kam raus, zum Glück vollständig angezogen. Aber er hatte immer noch einen roten Kopf und guckte immer wieder verstohlen zu mir rüber. Am liebsten hätte ich ihm gesagt, daß er sich keine Gedanken zu machen braucht, aber das ging ja nun nicht, weil seine Eltern dabei waren. Na ja, jedenfalls hat mich dann sein Dad nach Hause gefahren. Benji meinte noch zum Abschied, er würde mich heute noch anrufen. Na ja, mal sehen.

Ich überlege mir gerade, ob Benji von meiner nächtlichen Aktion was mitbekommen hat. Aber eigentlich glaube ich das nicht, jedenfalls nicht so, wie er geschnarcht hat. Shit, aber was hätte ich tun sollen, ich war so geil. Jetzt werde ich erstmal ein bissel in den Garten gehen und etwas auf Familie machen, damit Mom und Dad sich wieder etwas beruhigen.

21:30
Ächz, ich glaub, ich hab mir heute einen Sonnenbrand eingefangen. Den ganzen Nachmittag war ich im Garten, hab mich gesonnt, mit Lisa gespielt, Dad beim Reparieren vom Rasenmäher geholfen (wir haben's zum Glück nicht hinbekommen!). Mom und Dad haben sich jedenfalls wieder beruhigt. Sie meinten nur noch, ich soll das nächste Mal wenigstens auf den Aba sprechen, damit sie wissen, wo ich bin, man weiß ja nie, was so alles passieren kann, na ja, und so weiter. Pfff, als wenn hier auf dem Land irgendwas passieren könnte. Komisch, in Hamburg waren sie nicht so komisch, na ja, was soll's.

23:05
Gerade hat Benji angerufen. Er hat ziemlich rumgedruckst. Er stotterte so was wie: »Wegen heute morgen, also nicht daß du denkst, ich wäre irgendwie, na ja, äh anders...« Ich hätte am liebsten laut losgeprustet. statt dessen hab ich ihn beruhigt und ihm gesagt, daß mir das morgens auch immer so geht, na ja, und so ein Blabla halt. Es schien ihm auf jeden Fall unheimlich wichtig zu sein, daß ich ihn nicht für schwul halte. Diese Hetero-Jungs! Wenn er wüßte!

Samstag, 8. Juni 1996

8. Juni

»Was soll ich denn bei dem Idioten?«
Ich weiß gar nicht, was mich geritten hat, Nils zu fragen, ob er heute abend mitkommt. Erst hinterher fiel mir wieder ein, daß Benji ja mal unbedingt mit Nils ringen wollte. Und ich Idiot hätte da noch den Vermittler gespielt. Obwohl, was mache ich mir eigentlich für komische Gedanken? Nils ist ein Hetero und Benji garantiert auch. Shit, bin ich etwa eifersüchtig? Aber auf wen und warum? Keine Ahnung, na ja, zum Glück will Nils ja nicht mitkommen. Am Nachmittag war ich mit Doris und ihrem Clemens Eis essen. Er sieht zwar voll scheiße aus, aber ist total nett. Als er kurz auf dem Klo war, flüsterte Doris mir zu: »Er weiß übrigens nicht, daß du schwul bist, ich hab ihm nichts davon erzählt, ich denke, das ist deine Sache.« Finde ich richtig goldig von ihr. Hoffentlich bleiben die beiden lange zusammen, ich finde, sie passen gut zusammen.

Jetzt muß ich mich langsam fertig machen für nachher. Ich weiß noch gar nicht, wie ich zurückkomme, Shit, in der Nacht fährt bestimmt kein Bus, na ja, und mit dem Rad bis nach Degendorf ist Scheiße. Mal sehen, vielleicht fällt mir noch was ein.

Freitag, 7. Juni 1996

7. Juni

»Kommst du morgen?«
Gerade hat Benji angerufen und mich morgen zu einer Party von seinem Verein eingeladen. Ich bin eigentlich etwas stinkig auf ihn, weil er sich so lange nicht gemeldet hat, aber gleichzeitig freue ich mich, daß er mich eingeladen hat. Ich habe mir die Sache mit Silvio noch mal durch den Kopf gehen lassen und habe entschieden, daß Doris recht hat, er ist ein Idiot und ein Nazi. Ich habe beschlossen, ihn einfach zu ignorieren.

Und noch etwas geht mir im Kopf rum: Boris. Ich weiß nicht, wieso. Ich finde ihn wirklich nicht spannend. Eigentlich weiß ich gar nicht, wieso ich überhaupt damals mit ihm aufs Klo gegangen bin. Auf der anderen Seite muß ich immer wieder daran denken, wie es wohl wäre, eine ganz lange Zeit mit ihm im Bett zu verbringen. Es wäre doch wirklich einmal die Chance, es auszuprobieren. Shit, was soll ich nur machen?

Donnerstag, 6. Juni 1996

6. Juni

»Faß mich nicht noch mal an, du Schwanzlutscher!« schrie Silvio.
Plötzlich war es totenstill in der Halle, alle starrten zu Silvio, der Markus aus der 2. Mannschaft anbrüllte. Dann stapfte er zu uns rüber. »Diese Scheiß-Schwuchtel, den mach ich kalt, wenn der mich noch mal anfäßt!« Zum Glück saß ich gerade in der Ecke, und so konnte niemand sehen, wie ich immer kleiner wurde. Markus hatte Silvio wohl nach einem Trainingskampf auf den Hintern gehauen. Die anderen lachten nervös.

Shit, so sieht es also aus. Niemand hat Markus verteidigt, nicht mal Dimitri. Ich auch nicht. Seit heute nachmittag ist mir klar geworden, was es heißt, wenn man schwul ist und jemand kommt dahinter. Ich meine, in der Umkleide werden immer irgendwelche dummen Sprüche über Schwule gemacht, aber bisher hat es mir nichts ausgemacht, denn es wird ja genauso über irgendwelche Mädels gelästert.

Habe es gerade Doris erzählt. Sie meint, ich soll mir das nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Silvio ist ein Idiot und ein halber Nazi. Sie meint, daß bestimmt nicht alle in der Schule oder in der Mannschaft so sind. Vielleicht hat sie recht. Aber wenn es gerade die sind, die ständig den Colonel schieben, dann ist es schon ganz schön heftig. Am liebsten würde ich Nils fragen, was er von der Sache hält. Aber vielleicht bringe ich ihn dadurch erst auf die Spur.

Mittwoch, 5. Juni 1996

5. Juni

»Hi, Tim, können wir mal miteinander reden?«
Boris ist in der großen Pause zu mir gekommen und hat mich angesprochen. Ich war völlig verdattert. Er wollte aber nicht in der Schule mit mir sprechen. Also haben wir uns am Nachmittag auf dem Marktplatz verabredet.

Er war schon komisch: Als er über den Platz lief, drehte er sich ständig um, so als wenn ihn jemand verfolgen würde.
»Hi!«
»Hi!«
Dann Schweigen. Na toll, das war ja ein tolles Gespräch. Er guckte sich immer noch um. Ich war kurz davor, ihn zu fragen, ob er von der CIA verfolgt wird. Als niemand in unserer Nähe war fragte er leise: »Bist du schwul?«
Meine Güte, was für eine bescheuerte Frage, dachte ich.
»Ja, ich glaube schon, und du?«
Er verzog das Gesicht: »Ja, ich fürchte auch.« Irgendwie fand ich die ganze Situation ziemlich lächerlich, doch ich versuchte, mich zu beherrschen. Dann begann er zu reden: »Niemand weiß, daß ich schwul bin. Und ich kenne auch keinen anderen Schwulen. Jedenfalls nicht richtig. Ich glaube, wenn das irgend jemand rausbekommt, bin ich geliefert.«
»Keine Angst, ich werde es schon nicht rausposaunen.«
Er schien erleichtert. »Weiß es bei dir jemand?«
»Nur eine sehr gute Freundin. Die erzählt es aber garantiert nicht weiter.«
»Hast du ihr etwa was von uns erzählt?«
»Von uns? Was hätte ich ihr denn von uns erzählen sollen? Denkst du, ich erzähle den Leuten meine Sexstories?«
»Nein, ich hoffe jedenfalls nicht.«
»Und überhaupt, was heißt denn von uns? O.k., wir haben ein bissele rumgemacht, aber das ist auch alles. Deswegen sind wir noch lange nicht verheiratet!« Langsam wurde ich sauer.
»Um Gottes Willen, schrei' doch nicht so.« Er blickte sich wieder um. »Du scheinst damit ziemlich locker umzugehen.«
»Womit?«
»Na, damit, daß du, na ja, daß du ...«, er stotterte, »daß du schwul bist.«
»Locker? Na, ich weiß nicht. Was findest du denn daran locker?«
»Na ja, so wie du darüber redest. Hast du es schon oft mit anderen Jungs gemacht?«
»Einige Male schon.« Mir fiel ein, daß ich gar nicht spontan sagen könnte, wie oft eigentlich. Ich muß das bei Gelegenheit mal aufschreiben.
»Und wo? Auch in der Schule?«
»Bin ich bekloppt? Nein, meistens im Schwimmbad.«
»Und wie machst du das da?«
»Na, in der Kabine.«
»Nein, ich meine, wie lernst du die Leute da kennen?«
Das schien ja in eine Fragestunde auszuarten. »Na ja, ich stehe halt unter der Dusche und gucke, wer guckt und wie er guckt und wohin er guckt. Ich meine, wenn er auch einen Ständer bekommt, ist es doch wohl ziemlich eindeutig, oder?«
»Ja.«
Schweigen, na toll. »Und wie lernst du deine Typen kennen?«
»Meistens auf der Klappe am Bahnhof«
»Wo?«
»Auf der Klappe am Bahnhof, meistens in Stuttgart oder Ulm, jedenfalls nicht hier.«
»Was ist denn die Klappe?«
»Mensch, das Klo!«
»Warum heißt denn das Klappe?«
»Was weiß ich. Vielleicht, weil die Türen da auf- und zuklappen? Ist doch egal.«
»Klo finde ich eigentlich voll eklig.«
»Na ja, im X1 ja wohl nicht.«
»Gemütlich war's nicht.«
»Ich würde es gerne mal mit einem Typen richtig lange im Bett machen.«
»Rat mal, wer noch.«
Er guckte mich an. »Hast du nicht mal Lust?«
Oh Shit, da hatte ich mich ja in was reingeritten. »Nein, jedenfalls nicht im Moment.«
»Gehst du eigentlich in die Szene?« Uff, Themawechsel. Noch mal Glück gehabt. »Welche Szene?«
»Ich meine die Szene, du weißt schon, Bars und Discos, wo nur Männer sind.«
»Nee, solche Läden kenne ich gar nicht.«
Tassilo hatte mir mal erzählt, daß er sich mit seinen Kumpels wohl aus Versehen in solch einen Laden verirrt hatte. Er fand die Leute da drin voll abgedreht, wie er sagte. Ich traute mich damals aber nicht zu fragen, wo der Laden war. Hätte ja auch bestimmt komisch ausgesehen.

»Es gibt ein paar in Stuttgart, aber ich gehe da auch nicht hin. Wenn mich jemand erkennt.« Ich überlege mir gerade, wie es wohl in solch einem Laden ist. Irgendwie ist es bestimmt spannend, ob da tatsächlich alle Typen schwul sind? Dann wieder Schweigen. Eigentlich ist er ja ganz nett. Nur so entsetzlich steif und uncool. Wir haben dann noch ein bißchen über die Schule gequatscht, und dann mußte er los. Zum Abschied hat er mich noch gebeten, ihn nicht in der Schule anzusprechen. Na toll, er ist wirklich absolut seltsam. Bevor ich ihn überhaupt fragen konnte, wieso denn nicht, war er schon weg. Meine Gü-te, wird man so, wenn man schwul ist und hier lebt? Werd ich mich in zwei, drei Jahren auch ständig umgucken, ob irgend jemand da ist, der mich beobachtet, mit wem ich mich unterhalte. Nein, bestimmt nicht. Der Typ ist einfach nur strange.

Dienstag, 4. Juni 1996

4. Juni

»Ich habe mit ihr geschlafen.«
»Was?« Ich hatte ihn schon verstanden, aber trotzdem konnte ich es nicht glauben. Wir waren nach dem Krafttraining in der Umkleide, und Nils erzählte mir von seinem Wochenend-Mädel. Mir fiel irgendwie nichts besseres ein als zu fragen: »Wo?«
»Na, bei mir zu Hause, ich bin doch die Woche über alleine.«
»Na, herzlichen Glückwunsch«, sagte ich, und ich meinte es wirklich ehrlich.
»Weißt du«, sagte er, »wir haben doch neulich genau darüber gesprochen, und ich dachte, es ist jetzt wirklich an der Zeit es mal zu machen.«
»Wie schön, macht 3 Mark 50 für die Beratung.«
»Du Penner, als nächstes bist du dran.«
»Ja, ja, das ist mein Ding, o.k.?«
Was sollte ich ihm sagen? Daß ich nicht vorhabe, mit einem Mädchen ins Bett zu springen? Daß ich statt dessen viel lieber ihn gleich hier abknutschen würde und eine Nacht (was heißt nur eine??) mit ihm verbringen möchte?
»Und wie war's?«
»Nett.«
»Das klingt ja nicht sehr begeistert.«
»Nee, es war schon o.k. Ich weiß ja nicht, es war schließlich das erste Mal. Ich habe ja keinen Vergleich. Vielleicht hätte sie, na, wie soll ich sagen ...«, Nils begann zu stottern, »etwas lauter sein können, ich meine, mehr abgehen können.«
»Mehr losgehen können?« Ich prustete los. Nils guckte mich ganz verwirrt an und bekam einen knallroten Kopf. In dem Moment tat es mir wieder fast leid, daß ich gelacht hatte.
»Sorry«, sagte ich, »aber das klang eben einfach so komisch. Aber ich denke mal, das ist völlig o.k. so, ihr habt ja schließlich keinen Porno gedreht.« Nils grinste: »Na ja, wer weiß. Und überhaupt, woher willst du denn wissen, wie so was richtig gemacht wird?«
»Ich weiß mehr, als du ahnst.«
»Ach ja? Erzähl!«
»Nix da, sonst kriegst du noch Komplexe.«
Naja, wir haben noch eine Weile rumgeblödelt, dann meinte er, er muß los, noch ein paar Präser kaufen. »Kleiner Tip«, er schraubte seine Stimme ganz tief, und machte einen auf erfahrenen Weltmann, »immer mehr als einen Gummi dabei haben, du weißt ja nie, wie oft du kommen willst.« Dann zischte er ab.

Es ist seltsam, ich freue mich wirklich für ihn. Und für mich paßt wieder alles zusammen und ist so, wie es sein muß. Und ich bin ein bißchen stolz, daß er es mir erzählt hat. Komisch, wenn ich daran denke, wie Nils es mit einem Mädel treibt, kriege ich einen Ständer. Na gut, ich kriege ihn ja schon, wenn ich mir nur vorstelle, wie er nackt ist. Vielleicht hätte sie etwas lauter sein können. Ich glaube, ich kriege wieder einen Lachanfall.

Montag, 3. Juni 1996

3. Juni

»Hey, warum hast du nicht mal angerufen in den Ferien?«
Tobias' Locken sind fast wieder komplett. Ich habe ihm gesagt, daß er sich ja auch mal hätte melden können. Na ja, aber er scheint wieder ganz vernünftig zu sein. Doris hat mich noch gefragt, was mit mir denn los ist. Ich habe ihr nur gesagt, daß es mir im Moment nicht so doll geht. Sie meinte, ich könne mit ihr reden. Sie ist wirklich lieb, aber ich glaube, da muß ich irgendwie alleine durch. Außerdem geht es mir heute etwas besser.

Nils hat mich gefragt, warum ich am Samstag so schnell weg war, na ja, ich habe ihm irgendwas erzählt, ich glaube, es hat ihn gar nicht wirklich interessiert, denn er hat mich mit dem Mädel (Bierdeckel!) vollgebrabbelt. Schön für ihn, aber das hat mich nun nicht sonderlich interessiert.

Vielleicht lag es ja daran, daß ich sauer auf Nils war, vielleicht waren es ja seine Tips vom letzten Mal. Aber als ich heute beim Training wieder gegen Nils gerungen habe (das scheint jetzt mein Dauertrainingsgegner zu werden), hat er es nicht geschafft, mich zu pinnen. O.k., er hat mit Punktsieg gewonnen (wer hat sich so ein dusseliges Punktesystem ausgedacht?), aber ich habe länger durchgehalten, und er hat mich nicht gepinnt.

Sonntag, 2. Juni 1996

2 Juni

»Magst du nicht rumkommen?«
Doris hat angerufen. Aber ich habe ihr gesagt, daß es mir nicht so toll geht und daß ich keine Lust habe. Noch so ein beschissener Tag, na ja, Sonntag eben. Das ist absolut ungerecht. Wenn ich all die niedlichen Typen sehe, schick gemacht, gestylt, und auf in die Disco. Und wofür? Nur um irgendwelche kreischenden, gackernden Mädels anzubaggern. Ich frage mich, was in ihren Köpfen vorgeht, wenn sie sich abends fertigmachen. So was wie: 'Heute schleppe ich die kleine Blonde ins Bett ab'?

Scheiße, was mache ich mir denn für blöde Gedanken? Aber es ist doch wirklich voll daneben. Nils zum Beispiel hat sich gestern benommen wie in der Grundschule und dieses Mädchen permanent mit Bierdeckeln beworfen. Man muß sich das mal vorstellen! Ein 16jähriger Typ bewirft ein Mädchen mit Bierdeckeln! Und was macht sie? Sie kreischt und schreit, er soll sie in Ruhe lassen. Tut so, als wenn sie wegrennt, und setzt sich dann wieder an unseren Tisch, damit er auch schön weitermachen kann. Ist das etwa normal? Sind Heten so? Scheiße, sind Schwule untereinander etwa auch so? Nee, die treffen sich auf Klos und in Umkleidekabinen, um Sex zu haben, und das war's.

Was ist das alles für ein Scheiß-Leben?

Samstag, 1. Juni 1996

1 Juni

23:50
»Also, ich finde es cool, ich bleibe noch.«
Ich glaube, das ist überhaupt das erste Mal, daß ich so früh aus einem Laden gekommen bin. Wir hatten uns nach den Wettkämpfen alle um halb zehn vor der Tofa verabredet. Eigentlich hatte ich sowieso keine richtige Lust. Na ja, es war auch total frustrierend. Erstmal ist es wirklich die absolute Dorfdisco. Die Musik war scheußlich und die Leute auch. Absolut kein Vergleich zum X1. Aber was mich irgendwie völlig fertiggemacht hat, war was anderes. Ich kam mir völlig allein und überflüssig vor. Ich saß da und sah die ganzen rausgeputzten Mädels und die dazugehörigen Jungs. Es waren wirklich einige nette Jungs dabei. Aber sie waren ständig und immer nur mit den Mädels beschäftigt. Ich meine, es war wirklich zum Verzweifeln, wie absolut bekloppt sich selbst die coolsten und niedlichsten Typen benehmen, wenn Mädchen dabei sind. Es ist, als wenn man einen Schalter umgelegt hat. Nils zum Beispiel habe ich überhaupt nicht wiedererkannt. Er baggerte ständig an einem absolut dusseligen Mädel rum. Und benahm sich absolut kindisch und wie der letzte Idiot. Na ja, ich bin dann nach einer Stunde wieder gegangen. Die anderen sind noch geblieben. Ich könnte heulen. Das ist wirklich absolut ungerecht. Ich sehe die Typen, die sich schick gemacht haben. Aber einzig nur für die Mädels rennen sie in die Disco. Shit, ich kann nicht mehr richtig klar denken, ich glaube, ich gehe schlafen.

Freitag, 31. Mai 1996

31. Mai

»Paß auf dich auf«, sagte Phil, eher er in den Zug einstieg. Er ist wieder nach Hamburg gefahren, um seine letzten Sachen fürs Abi zu machen. Shit, er kommt erst Ende Juli wieder zurück. Ich mag es nicht, Leute zum Bahnhof zu bringen und zu verabschieden.

Es war sowieso ein Scheißtag heute. Mom ist wegen Lisa die ganze Zeit zu Hause. Am Nachmittag bin ich ins Schwimmbad gefahren, weil ich es irgendwie nicht mehr zu Hause ausgehalten habe. Na ja, von wegen Schwimmbad, ich war in den Thermen. Der Eintritt kostet ein halbes Vermögen, und dann auch noch absolut tote Hose. Das totale Rentnerbad. Die Whirlpools und die Sauna waren ja alles ganz nett, aber es war wirklich überhaupt kein anderer Typ da, der wenigstens annähernd interessant war. Und ich Idiot fahre auch noch mit dem Fahrrad da hin. So eine Scheiße.

Donnerstag, 30. Mai 1996

30. Mai

9:45
»Und paß auf, daß sie sich nicht kratzt.« Mom ist gerade nach Ulm gefahren, um sich Arbeit nach Hause zu holen. Lisa schläft wieder. Jetzt sieht sie wirklich wie ein Streuselkuchen aus. Mom hat ihr eingetrichtert, daß sie sich nicht kratzen darf, und sie hält sich tapfer dran. Moment, Telefon. Es war Nils. Er meinte, wenn ich das nächste Mal jemand aus einem anderen Verein mitbringe, soll ich besser fragen. Ich erklärte ihm, daß ich Benjamin zwar kenne, daß ich aber nicht wußte, daß er zum Kadertraining kommt. »Und dann noch so ein Kasper«, schnaufte er. Ich mußte lachen.


19:30
Ich habe heute beim Training zum ersten Mal gegen Nils gerungen. Nicht daß wir in unseren privaten Sessions nicht schon öfter gegeneinander gekämpft hätten. Aber irgendwie war es heute anders. Und es war ganz seltsam. Ich meine, er war seltsam. Er war ganz anders als sonst, als wir uns gegenüberstanden. Ich hatte fast Angst vor ihm. Nein, nicht nur fast. Es war nicht der Nils, den ich kannte. Was mir da gegenüberstand, war plötzlich ein teilnahmsloses Etwas, das mich überhaupt nicht zu kennen schien. Dimitri pfiff, und Nils kam auf mich zu. Ja, ich hatte wirklich Schiß und ging immer mehr zurück. Dimitri brüllte, ich solle mich gefälligst anstrengen und kämpfen. Ich schaffte es, ein paar Angriffe von Nils abzublocken. Als Dank dafür schickte mich Dimitri in die Bank. Nils legte seine Hände auf meinen Rücken. Das ging ja noch. Aber dann spürte ich, wie sein Schwanz gegen meinen Hintern drückte. Ich verlor fast die Besinnung. Dimitri pfiff, und ich ließ mich nach vorne fallen. Ich machte mich so breit und schwer, wie es ging. Aber Nils schaffte einen Einsteiger und schulterte mich. Alles, was ich sah, war das Licht des Deckenstrahlers. Das Licht, das immer verschwommener wurde, weil mir die Tränen in die Augen stiegen. Ich kam mir vor wie am allerersten Trainingstag. Ich wollte einfach nur liegenbleiben. Doch Dimitri brüllte wieder irgendwas. Nils streckte mir seinen Arm entgegen und half mir auf. »Na, alles o.k.?« Plötzlich war er wieder ganz der alte. Ich schluckte und nickte. »Wenn du auf die Matte gehst, denke daran, daß dein Gegner dein Gegner ist.« Ich wußte nicht, was er damit meinte. »Das heißt, du zeigst nichts, keine Angst, kein Grinsen, gar nichts, egal, wie gut du ihn kennst. Gucke ihm nicht in die Augen, gucke auf seinen Körper, seine Hände. Da steht ein Gegner und sonst nichts.«

Ich glaube, ich begriff, was er meinte. Aber ich war trotzdem überrascht, wie er so plötzlich hin und her schalten kann. Dimitri kam auf mich zu und brabbelte mich voll, wenn ich auf der Matte wegrennen würde, sollte ich vielleicht lieber Dauerlauf trainieren und all so einen Quatsch. Ich kann gegen Nils einfach nicht richtig ringen. Zum Schluß sagte er noch etwas Merkwürdiges: »Zeige nie, daß du Angst hast. Denn wenn Angst sich da festsetzt«, er tippte mir gegen den Kopf, »dann ist die Angst überall.« Na toll, aber was ich dagegen machen kann, weiß er wohl auch nicht.

Mittwoch, 29. Mai 1996

29. Mai

10:20
»Es sind Windpocken.«
Mom scheint sich ganz sicher zu sein. Ich muß zugeben, ich habe fast gar nichts gesehen, aber Lisa hat die letzten beiden Tage ständig geschnieft, und heute morgen hat sie ein paar kleine Pusteln im Gesicht. Jedenfalls meint Mom, sie muß im Bett bleiben, was Lisa nun überhaupt nicht versteht. Dann hat Mom mit ihrem Chef telefoniert und gesagt, daß sie die nächsten paar Tage nicht kommen kann. Na toll, die letzten Ferientage noch Mom im Haus. Na ja, was soll’s. Ich kann mich nicht erinnern, je Windpocken gehabt zu haben, aber Mom meint, ich hätte sie als kleines Kind ganz schlimm gehabt.


15:15
»Willst du nicht mal endlich dein Zimmer aufräumen?«
Na klar, das mußte ja passieren. Ich finde, es sieht o.k. aus. Aber ich habe ein bißchen die Sachen hin und her geräumt, damit es wenigstens so aussieht, als hätte ich was gemacht. Und nun? Ich könnte Doris anrufen und mir ein paar Stunden lang die neueste Story von ihrem Typen anhören. Nicht gerade so eine tolle Alternative. Ich glaube, ich gehe Nils beim Kadertraining zugucken.


22:10
Ich glaube, ich spinne! Als ich heute in die Halle kam, saß Benji auf der Bank und schaute zu. Ich habe ihn natürlich gefragt, was er hier macht. »Zugucken«. Ich bin stinksauer geworden. »Warum hast du mir nicht gesagt, daß du da bist?«
»Ich habe gedacht, du bist sowieso da. Aber wenn nicht hätte ich dich hinterher angerufen.« Eine blödere Ausrede habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Ich war kurz davor, ihm eine Szene zu machen. Aber Nils hatte mich gesehen und kam rüber: »Na, willst du dir schon mal richtiges Training ansehen?« Ich war so sauer, daß ich gar nicht wußte, was ich antworten sollte. »Gehört der zu dir?« er zeigte auf Benji. Der plapperte gleich los, daß er sich überlegt, ob er den Verein wechselt, und sich einfach mal das Training angucken wollte usw. Nils wurde plötzlich ganz komisch: »Wir haben das nicht so gern, wenn Leute aus anderen Vereinen bei unserem Training zugucken.« Benji lief knallrot an. Ha, geschieht ihm ganz recht! Und ich Idiot helfe ihm noch: »Ist schon o.k., ich kenne ihn.«
»Willst du etwa auch den Verein wechseln und nach Degendorf gehen?«
»Hab ich nicht vor.« Nils nahm mich in einen Armgriff und zog mich von der Bank: »Das will ich dir auch nicht geraten haben«, zischte er lachend. Dann ließ er mich los und trabte wieder zu den anderen. Den Rest des Trainings saßen Benjamin und ich schweigend nebeneinander. Ich habe eigentlich gar nichts vom Training mitbekommen. Mir ging alles mögliche durch den Kopf. Am liebsten wäre ich einfach aufgestanden und gegangen. Aber ich wollte nicht, daß Benji alleine mit Nils ist. Also habe ich ihm hinterher vorgeschla-gen, ob er noch mit zu mir kommt. Es war komisch, eigentlich hätte ich mich freuen müssen, daß er mitkommt, aber mein Kopf war so voll, daß ich mich kaum unterhalten konnte. Dafür plapperte Benjamin ununterbrochen, wie toll doch unser Training ist und daß in Degendorf alles zwei Kreisklassen niedriger wäre und so weiter. Wenigstens schwärmte er mir nicht wieder von Nils vor. Ich glaube, dann hätte ich ihm eine gescheuert.

Mom empfing mich mit der Frage, ob Benjamin mitessen würde. Ich sagte ihr, daß wir(!) keinen Hunger hätten, und wir gingen in mein Zimmer. »Nett hast du es hier«, meinte er. Ich wollte irgendwas Nettes sagen, aber brachte nicht mehr als ein »Ja, geht so« hervor. Na ja, zum Schluß wurde es dann doch ganz witzig. Er erinnert mich wirklich total an Jost. Aber irgendwie ist das ein Scheißspiel. Und ich stecke mittendrin.

Dienstag, 28. Mai 1996

28. Mai

14:30
»Willst du nicht lieber fahren?« Ich war heute mit Phil bei Ikea, weil er noch ein paar Möbel braucht. Ich kann mich gar nicht erinnern, daß er so miserabel fährt. Ich meine, es ist klar, daß er sich hier ja nicht auskennt, aber ... ach, was soll's. Auf jeden Fall haben wir uns köstlich bei Ikea amüsiert. Eigentlich wollte er ja nur ein paar Regale und einen Schrank kaufen, aber wir mußten unbedingt die Betten testen. Eigentlich erstaunlich, daß wir nicht rausgeflogen sind. Na ja, auf dem Parkplatz dann das, was ich schon erwartet habe, wie kriegen wir das Ganze in Moms Auto? Die Rückfahrt über hatte ich das Ende eines Kartons im Nacken, aber wir haben es schließlich dann doch geschafft.


23:05
Ich weiß nicht, was mit Nils los ist. Er hat angerufen und mich zum Krafttraining »bestellt«. Na ja, ich bin hingegangen. Es war ganz o.k. Hinterher sind wir noch in die Halle gegangen. Es war seltsam, sie war völlig leer. Ich weiß nicht, wieso, irgend jemand ist eigentlich immer da. Wir haben ein paar Griffe trainiert. Irgendwann lagen wir völlig ausgepumpt auf der Matte, starrten beide an die Decke, als er plötzlich fragte: »Warum hast du eigentlich keine Freundin?« Shit, was sollte ich antworten? Ich ließ mein bewährtes »Pffff!« los. Das gab mir wenigstens ein paar Sekunden länger Zeit. »Guck dir doch die Leute hier an.« Ja, ich habe es tatsächlich geschafft »Leute« zu sagen und nicht Mädel. Na ja, gut, ist nicht sonderlich mutig. Aber nun konnte ich ihn wenigstens zurückfragen: »Und du? Mit welchem Mädel gehst du im Moment?«
»Mit keinem.«
Uff, das überraschte mich.
»Aber du hast schon ein paar gehabt?«
»Ja, aber nicht richtig.«
»Was meinst du mit richtig?« wollte ich wissen.
»Jedenfalls noch nicht gefickt.«
»Waas, du bist noch Jungfrau?« Ich erschreckte mich selber, so laut echote es in der Halle.
»Schrei nicht so, du Penner, willst du dich vielleicht auch noch auf den Markplatz stellen?«
»Sorry, tut mir leid, aber hier ist ja keiner. Ich bin halt nur so überrascht.«
»Wieso bist ausgerechnet du überrascht?«
»Was soll das denn nun wieder heißen?«
»Du bist doch auch Jungfrau, oder?«
»Ja, aber das ist was anderes. Schau dir doch bloß mal mein Gesicht an.«
»Wieso, was soll denn mit deinem Gesicht los sein?«
»Es ist häßlich, das ist los. Mit so einem Gesicht fickt niemand.«
Er prustete los, und ich wurde sauer. Ich drehte mich um und sah ihn an, wie er neben mir lag. Alles an ihm schien perfekt zu sein. Ich hätte ihn so gerne angefaßt, ihn gestreichelt, einfach in den Arm genommen.
»Du bist nicht häßlich«, sagte er, während er weiter an die Decke blickte. Ich weiß nicht, ob er das nur sagte, um nett zu sein, oder ob er es ernst meinte.
»Irgendwann hätte ich schon mal gern Sex.« Er verwirrte mich immer mehr.
»Irgendwann? Meine Güte, was machst du denn, wenn du mit den Mädels zusammen bist?«
»Ein bissele Rumknutschen, mehr nicht.«
Ich verstand die Welt nicht mehr: »Ein bissele Rumknutschen? Ist das alles, was du bisher gemacht hast? Warum bist du noch Jungfrau, kannst du mir das mal erklären?« Ich wurde wütend. Die Welt ergab auf einmal keinen Sinn mehr.
»Drehst du jetzt völlig durch?«
Ich weiß auch nicht, was mit mir passiert war, aber alles paßte irgendwie nicht mehr zusammen. Ich setzte mich hin: »Tut mir leid, aber ich verstehe es einfach nicht.« Nils setzte sich auch hin, guckte mich kurz an und sah dann durch mich hindurch: »Willst du wirklich einen Grund wissen?«
»Natürlich will ich das!«
»Laß mich mal nachdenken.« Er dachte nach. Eine halbe Ewigkeit. »Hmm, mir fällt kein Grund ein.« Ich hätte ihm eine scheuern können. Zum Glück fuhr er fort: »Ich bin wohl einfach noch nicht dazu gekommen. Wenn ich die Gelegenheit dazu hätte, würde ich sicher nicht nein sagen.«
Uff, mein Weltbild war wieder gerade gerückt. Plötzlich blickte er mich direkt an, aber ich konnte nicht in seinen Augen versinken, es schien, als würden sie kleine Blitze aussenden: »Was interessiert dich eigentlich mein Leben?« fragte er ziemlich kalt.
»Du hast angefangen zu fragen.«
»Aber ich bin nicht ausgerastet.«
»Sorry, ich habe mir einfach ein anderes Bild gemacht von dir.«
»Ach ja? Vielleicht will ich das aber gar nicht.« Was war denn nun mit ihm los?
Ich blickte ihm direkt in die Augen zurück. ›Tau auf, tau auf‹, dachte ich. Das dachte ich wirklich. Es war, als wenn ich versuchte, seinen eisigen Blick aufzutauen. Ich versuchte, ihm meine Gedanken zu schicken. Ich weiß nicht, wie lange wir so schweigend da gesessen haben, aber allmählich kam die Wärme in seine Augen zurück, ganz langsam war es wieder der Blick, in den ich eintauchen konnte. Ich merkte, wie ich schlucken mußte, mir begannen die Tränen in die Augen zu steigen. Ich war kurz davor, es ihm zu sagen. Mit einem Ruck holte ich mich zurück ins richtige Leben und buffte ihn an: »Wieder o.k.?«
»Wieder o.k.!« Nils grinste und warf sich auf mich. »Vielleicht«, sagte er, als er meine Schultern auf die Matte drückte, »vielleicht schaffen wir es ja wenigstens einen richtigen Ringer aus dir zu machen.«

Der Rest des Abends war zum Glück nur allgemeines Rumblödeln. Und nun liege ich hier und überlege, ob ich es ihm nicht vielleicht doch hätte sagen sollen. Scheiße, was bin ich doch für ein Feigling. Doch ich will ihn nicht verlieren. Und noch was frage ich mich: Bin ich tatsächlich noch Jungfrau? Ich meine, ich habe schon mit mehreren Typen rumgemacht. Nicht daß ich mit einem gefickt hätte, nein, das würde ich, glaube ich, sowieso nie machen. Aber ab wann ist man nicht mehr Jungfrau? Keine Ahnung, aber wenn das, was Nils gesagt hat, stimmt, habe ich wahrscheinlich schon mehr Sex gehabt als er. Irgendwie erstaunlich.

Montag, 27. Mai 1996

27. Mai

18:30
»Du kommst heute zum Training!«
Nils fragte nicht mal am Telefon. Es klang tatsächlich so wie ein Befehl. Es war ein Befehl. So ein Mist, eigentlich habe ich keine Lust. Kann man denn nicht mal an Pfingsten seine Ruhe haben?
Ich habe irgendwie voll die schlechte Laune. Ich weiß eigentlich gar nicht wieso, aber ständig geht mir diese Sache Benjamin/Nils durch den Kopf. Da kann ich es eigentlich gar nicht gebrauchen, Nils auch noch zu sehen. Na ja, und Training sah dann so aus, daß wir erst mal eine Ewigkeit Waldlauf gemacht haben, bergauf, bergab. Als wir dann völlig fertig wieder an der Halle ankamen, ging's erst richtig los. Nils und die anderen waren super drauf. Das hat mir gerade noch gefehlt. Er buffte mich ständig und meinte, beim nächsten Turnier würde ich auf die Matte gehen. Ich habe nichts gesagt. Jedesmal wenn ich ihn ansah, mußte ich an Benji denken.


22:45
Habe gerade mit Doris gesprochen. Sie meint, ich wäre komisch. Na toll, das hilft mir ja tierisch weiter. Was soll ich denn anders machen? Na ja, weil sie mir sowieso nicht helfen konnte, habe ich sie von ihrem Typ erzählen lassen, das hat mich wenigstens abgelenkt.

Sonntag, 26. Mai 1996

26. Mai

»Warum bist du hier und nicht unten auf der Matte?«
Ich saß nichtsahnend auf der Tribüne, als mir jemand von hinten in den Rücken boxte. »Benji!« schrie ich so laut, daß es mir gleich voll peinlich war, denn das mußte die ganze Halle gehört haben.
»Los, runter und mitringen«, sagte er grinsend.
»Nee, laß mal, der Tag kommt bestimmt noch früh genug.« Wenn ich ehrlich bin, hoffe ich, daß der Tag nie kommt, wo ich vor einem grölenden Publikum auf der Matte stehe. Der Streß mit den Trainingswettkämpfen reicht mir schon.
»Was machst du denn hier?« wollte ich wissen.
»Na ja, ich will mir doch meinen zukünftigen Verein angucken.«
»Wie, kommst du zu uns?«
»Na ja, wer weiß, so ein Top-Bundesligaverein wäre doch was für mich. Dann komme ich mal dazu, gegen Yilmaz zu ringen.«
»Griechisch-römisch ist doch öde. Und vor allem wird natürlich so ein Bundesliga-Crack einem kleinen hergelaufenen Dorfringer seine Tricks zeigen.«
Benjamin versuchte, mich in den Schwitzkasten zu nehmen. Wir rangelten ein bißchen, bis die Leute neben uns auf der Tribüne sauer wurden. Wir prusteten los und konnten gar nicht mehr aufhören. Bis schließlich irgendein Typ meinte, wir sollten gefälligst rausgehen, wenn wir uns nicht benehmen könnten. Na ja, das haben wir dann auch gemacht, weil wir einfach nicht aufhören konnten zu lachen, wobei, ich weiß gar nicht mehr, worüber eigentlich. Wir haben einfach nur alles und jeden verscheißert. Bis er mich in die Seite stieß und auf Nils zeigte: »Der ist doch auch bei dir?«
»Na klar, das ist Nils.«
»Und wie ist er?«
»Pff, was soll ich sagen, gut, aber guck doch selber hin.« Nils ging gerade auf die Matte.
»Ich würde gerne mal gegen ihn ringen«, sagte Benjamin und guckte Nils hinterher. Ich meine, es war komisch. Wieso wollte Benjamin ...?
»Du bist zu leicht, Nils ist bestimmt eine bis zwei Klassen schwerer als du.« Was machte ich denn da? Plötzlich versuchte ich, Benji Nils auszureden. Ich weiß nicht, wieso. Ich meine, Nils ringt ständig gegen irgendwelche Typen, warum sollte er nicht auch mal mit Benji ringen? Wobei, die anderen Typen sind meistens potthäßlich, verpickelt und was weiß ich. Benjamin dagegen erinnert mich total an Jost. Irgendwie kriege ich eine Gänsehaut bei dem Gedanken, daß die beiden zusammen ringen.
»Was machst du denn für ein Gesicht?« stieß mich Benji in die Seite.
»Äh, nix, mir ist nur gerade was durch den Kopf gegangen.« Lieber hätte ich ihm gesagt, er soll sich Nils aus dem Kopf schlagen. Na ja, Nils hat jedenfalls (natürlich wieder) gewonnen und kam eine Runde weiter. Ich habe Benjamin dann noch mal gefragt, ob er wirklich zu uns kommen will, aber er meinte, das wäre nur ein Witz gewesen. Uff, mir ist richtig ein Stein vom Herzen gefallen. Ich habe ihn dann nach dem Turnier gefragt, ob er mit zu mir kommt, aber er konnte nicht, weil er noch seine Tante besuchen wollte, na ja, schade eigentlich.

Nun liege ich hier und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Nils, ach ja, Nils ist aber eben unerreichbar. Das ist mir schon klar. Aber was sollte das denn mit Benji? Nee, ich finde, er sollte es gar nicht erst versuchen, an Nils ranzukommen. Ach Quark, was soll das denn? Ich rede mir hier ja absolut was Schräges ein. Warum sollte Benjamin überhaupt schwul sein? Das ist aber auch eine Scheiße. Bei jedem Jungen, der mir über den Weg läuft, denke ich, ist er nun schwul oder nicht? Nein, das stimmt so auch nicht, aber wenigstens bei jedem niedlichen Jungen. Wenn ich nur wüßte, woran man erkennt, ob der andere auch schwul ist. Ich meine, es kann ja nicht ewig nur auf irgendwelchen Klos und Duschen Schwule geben. Warum ist das alles denn überhaupt so kompliziert?

Samstag, 25. Mai 1996

25. Mai

»Und wieso?«
Phil hat es heute beim Frühstück Mom und Dad erzählt. Dad wollte einfach nur wissen, wieso. Aber Phil hat nur mit den Schultern gezuckt. Ich habe erwartet, daß sie einen tierischen Zoff machen, aber nichts. Dad hat nur resigniert geseufzt und meinte: »Wenn es dann sein muß.« Mom zog ein säuerliches Gesicht, aber damit war die Diskussion zu Ende. Phil guckte mich fragend an, aber was sollte ich sagen. Das heißt, ich weiß schon, was ich dazu zu sagen habe. Aber das wollte ich nun nicht unbedingt machen, wenn Mom und Dad dabei sind, sondern habe hinterher mit ihm gesprochen. »Und warum machst du das?«
Phil überlegte lange, sehr lange: »Vielleicht, weil ich nicht weiß, was ich eigentlich machen soll?«
»Wie? Was heißt das denn?«
»Ich meine, nach dem Abi.«
»Ich denke, du willst studieren?«
»Ja, schon, aber ich weiß nicht so recht, was.«
Pfffff, ich hätte ihn nehmen können und schütteln. Ich mag ihn wirklich gerne. Aber manchmal ist es echt zum Weglaufen mit ihm, wenn er so elendig unentschlossen ist. Und jetzt geht er deswegen zum Bund. Ich bastelte ihm zig Alternativen vor, aber bei allen zuckte er nur mit den Schultern.

Irgendwann wurde es ihm zu bunt, und er wechselte das Thema: »Erzähl mir lieber mal, was dein Ringen macht.« Das klang irgendwie völlig komisch ... »was dein Ringen macht.« Als wenn das nur mein ganz spezieller Sport wäre. »Es wird immer besser«, sagte ich. »Inzwischen habe ich schon mal meinen Trainingspartner gepinnt.«
»Ist das nicht reichlich gefährlich?«
»Quatsch, anstrengend, ja o.k., aber nicht gefährlich.«
»Wieso bist du denn gerade auf Ringen gekommen?«
»Keine Ahnung«, log ich. Na ja, sollte ich ihm den wahren Grund sagen? »Hier ringen fast alle in meiner Klasse, na ja, und es macht Spaß.«
»Ich finde nur, das paßt gar nicht zu dir.«
»Wie? Das paßt nicht zu mir?«
»Du bist doch gar nicht so ein Schlägertyp.«
Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, ihm zu erklären, daß Ringen nun nichts mit einer Schlägerei zu tun hat. Ich weiß nicht, ob er es kapiert hat. Er scheint irgendwie die gleiche Ader wie Mom zu haben, die meint, das wäre ein Proll-Sport. Ich habe ihm angeboten, morgen zum Pfingstturnier mitzukommen, aber er winkte ab. Na ja, auch gut.

Am Nachmittag hat Doris angerufen und gefragt, ob wir heute abend nicht ins Kino gehen. Na ja, der Film war total daneben, zwei Frauen, die ständig über ihre Probleme mit ihren Typen laberten. Auf jeden Fall hat mich das total runtergezogen, obwohl, wenn man sieht, was Heteros für Probleme miteinander haben ... fast könnte man ja froh sein, wenn man schwul ist.

Freitag, 24. Mai 1996

24. Mai

»Na, Kleiner, wie geht’s?«
Ich hasse es, wenn Phil mich »Kleiner« nennt. Nur weil er ein paar Jahre älter ist. Ich habe ihn vom Bahnhof abgeholt. Es wäre zu knapp für Mom gewesen, und er hatte eh nur eine Tasche mit. Oma hat ihn wohl mit jeder Menge zum Essen eingedeckt. Wahrscheinlich glaubt sie, in Bergbach gibt es nichts. Er hat eine Menge von Hamburg erzählt, von den Leuten in der Schule und von seinem Mädel. Irgendwann fragte er: »Und, was machen die Mädels bei dir?« Ich zuckte nur mit den Schultern und meinte »Keine Zeit dafür.« Ich glaube, er hat etwas komisch geguckt, so als würde er mir nicht glauben. Mist, ich würde es ihm gerne erzählen, aber ich traue mich einfach nicht. Außerdem hat er wahrscheinlich sowieso genug um die Ohren, wenn er jetzt zum Bund muß. Zum Glück hat niemand beim Abendessen darüber geredet. Aber irgendwann wird er es ihnen wohl sagen müssen. Auf jeden Fall kommt er Ende Juni erst mal ganz nach Bergbach. Ich freue mich, daß er endlich wieder da ist. Wir haben dann noch im Garten gesessen und über alles mögliche gequatscht.

Donnerstag, 23. Mai 1996

23.Mai

21:15
»Yeah, ich krieg’ dich!«
Max war heute hier und hat seinen Compi mitgebracht. Spannend was, man damit machen kann. Wir haben unsere beiden Computer verbunden, und dann konnten wir gegeneinander Warcraft spielen. Es ist voll cool. Ich habe gar nicht mitbekommen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Max meint, daß man das Ganze auch mit noch mehr Leuten spielen kann. Er will mal an einem Wochenende ein paar Leute einladen und eine große Session machen. Hehe, ich bin gespannt, wie das wird. Jedenfalls bin ich durch die ganze Aktion eine halbe Stunde zu spät zum Training gekommen, und Dimitri hat einen tierischen Zoff gemacht. Na ja, was soll's.

Mittwoch, 22. Mai 1996

22. Mai

»Ich komme am Freitag runter.«
Phil hat angerufen. Ich habe mich schon gewundert, aber er meint, es gibt dieses Jahr keine Pfingstferien in Hamburg. Komisch, wie schnell ich mich hier an alles gewöhnt habe. Auf jeden Fall freue ich mich, daß er kommt. Seine Abiklausuren sind wohl ganz gut gelaufen. Von der Musterung hat er nichts weiter erzählt. Ich möchte nicht wissen, was Mom und Dad dazu sagen.

Dann hat noch Doris angerufen. Sie hat sich mit dem Typen, Clemens heißt er (komischer Name), getroffen, und sie ist ganz hin und weg. Die beiden sind jetzt zusammen. Ich freue mich für sie. Ich glaube, sie hat es bei uns in der Schule sowieso nicht ganz so leicht. Die anderen reden nicht viel mit ihr und gucken sie eher etwas schief an. Ich bin ja mal gespannt, wie dieser Clemens aussieht.

Dienstag, 21. Mai 1996

21. Mai

11:15
»Hast du heute Nachmittag Zeit?«
Benjamin hat angerufen. Cooool. Er kommt heute nachmittag vorbei. Ich muß noch Nils Bescheid sagen, daß ich heute nicht in den Kraftraum komme. Darauf kann ich sowieso verzichten. Es ist zwar nicht so schlimm mit dem Muskelkater, aber trotzdem, heute noch Gewichte stemmen, nee.


23:30
Es war ein richtig schöner Nachmittag und Abend. Ich habe Benjamin am Busbahnhof abgeholt. Dann sind wir etwas durch die Stadt getapert, haben bei »unserem« Italiener Eis gegessen (ha, er steht auch auf Pistazien-Eis). Hinterher sind wir noch zu mir gegangen und haben ewig gequatscht und am Computer gespielt. Irgendwann kam Mom und fragte, ob er mit uns zu Abend essen will, und er hat ja gesagt. Er war einfach toll, ich glaube, er hat sogar Mom um den Finger gewickelt, denn sie war das ganze Abendessen nur noch am Lachen. Schließlich haben wir Lisa mit verteilten Rollen eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Dad hat ihn dann nach Degendorf gefahren, das heißt, ich bin mitgekommen. Er wohnt in so einem typischen »Quetsch-Haus«, bei denen ich mich immer wundere, wie man in so einem schmalen Ding überhaupt wohnen kann. Ich meinte, er müsse wohl im Stehen schlafen. Aber er hat erzählt, daß das Haus nach hinten noch weiter rein geht. Auf der Rückfahrt fragte Dad, ob ich schon viele neue Freunde hier gefunden hätte. Ich habe ihm gesagt, nicht viele, aber die, die ich kenne, reichen mir. Dann wollte er wissen, ob ich vielleicht in Doris verliebt sei. Ächz! Ich habe ihm gesagt, daß sie eine sehr, sehr gute Freundin ist, aber nicht mehr. Dad machte nur »Hm«. Ich weiß nicht, ob er mir glaubt, aber eigentlich ist es mir auch egal.

Montag, 20. Mai 1996

20. Mai

22:30
»Was ist denn das für eine Einstellung? Kaum sind Ferien, schon erscheint niemand mehr zum Training!«
Dimitri war stinksauer, es waren kaum Leute heute beim Training. Und da er wohl jemanden suchte, an dem er seine Wut auslassen konnte, war ich natürlich seine Zielscheibe. Ich dachte echt, ich muß sterben. Er meinte noch »So, jetzt zeige ich dir mal, wie die Profis trainieren«, und dann ging es los. Er scheuchte mich kreuz und quer durch die Halle, dazwischen immer wieder 30 Liegestütz. Dann laufen und auf sein Pfeifen fallen lassen, na ja, nach der Aufwärmphase war ich so fertig, daß ich glaubte, das eigentliche Training nicht mehr durchzustehen. Wie ich es dann doch noch geschafft habe, weiß ich gar nicht mehr. Nils grinste nur, ihm schien das Ganze nichts auszumachen. Hinterher hab ich erstmal die halbe Dusche leergetrunken. Ich möchte nicht wissen, wie es mir morgen geht.

Nach dem Training bin ich dann noch mit zu Nils gegangen. Haben Musik gehört, und eigentlich wollte er mir noch ein paar Griffe zeigen, aber ich bin echt zu fertig gewesen. Er warf sich achselzuckend auf sein Bett. Ohne T-Shirt. Aber das bekam ich gar nicht so richtig mit, ich war einfach zu fertig. Nun sitze ich zu Hause und könnte mich ohrfeigen, so eine Scheiße. Jetzt kommt es mir wieder vor Augen, wie er so da lag. Aber andererseits. Was soll's, er ist sowieso ein Hete.

Sonntag, 19. Mai 1996

19. Mai

15:00
»Warum hängst du eigentlich den ganzen Tag im Zimmer?«
Keine Ahnung. Ich hab einfach zu nichts Lust heute. Habe etwas am Computer gespielt, gelesen, ferngesehen. Eigentlich könnte ja mal jemand anrufen und was vorschlagen.


21:10
War mit Doris in der Stadt. Wir haben Eis gegessen (lecker: Pistazien). Sie hat mir erzählt, daß sie sich in einen Typen verknallt hat. Er geht nicht bei uns auf die Schule, deshalb kenne ich ihn wohl auch nicht. Ich glaube, sie ist hin und weg. Es ist komisch, ich habe ihr alle möglichen Ratschläge gegeben, wie sie sich mit ihm treffen kann, wie sie es ihm sagt. Seltsam, wenn es um andere geht, ist das alles ganz einfach. Auf jeden Fall wünsche ich ihr, daß es mit dem Typen klappt.

Samstag, 18. Mai 1996

18. Mai

11:30
»Und welches Fleisch soll es sein?«
Meine Güte, woher soll ich das denn wissen? Wenn wir grillen, kauft Mom immer ein. Aber ich stehe wie ein Depp im Supermarkt und will Fleisch für Florians Grillfete heute Abend kaufen. Ich hab gesagt, sie soll von jedem etwas einpacken, Hauptsache, es ist zum Grillen gut. Ein halbes Vermögen hab ich dafür an der Kasse bezahlt. Ich war sowieso schon sauer, weil mir ständig so eine Oma mit ihrem Einkaufswagen von hinten in die Hacken gefahren ist. Als wenn sie nicht aufpassen könnte. Und überhaupt, warum müssen Rentner eigentlich am Samstag einkaufen gehen? Zu Hause meinte Mom dann, warum ich sie nicht gefragt hätte, wir haben noch die ganze Tiefkühltruhe voll mit Grillfleisch, na super.


23:55
Eigentlich war es ja eine coole Grillfete, jedenfalls, bis die Polizei aufgetaucht ist. Irgendwelche von Floris Nachbarn müssen sich wohl beschwert haben. So ein absoluter Blödsinn. Es war garantiert nicht zu laut. Nils und ich haben jedenfalls beschlossen, zu keiner Fete mehr von Florian zu gehen. Entweder kommen seine Eltern und machen Schluß, oder die Bullen kreuzen auf.

Eigentlich wollte ja Silvio noch seinen Bruder anrufen und fragen ob er nicht nach Stuttgart fährt. Aber dann haben sie sich ewig am Telefon gestritten, und irgendwann sind Nils und ich dann abgehauen. In der Stadt war nichts mehr los. Wir haben etwas am Brunnen rumgehangen und sind dann nach Hause gegangen. Na ja, ziemlich daneben,
der Abend. Ich gucke noch ein wenig RTL.

Freitag, 17. Mai 1996

17. Mai

18:00
»Warum warst du gestern nicht beim Training?«
Training? Shit, ich habe natürlich gedacht: Feiertag = Kein Training. So ein Mist. Nils meinte, in Bergbach wird immer trainiert, selbst wenn die Halle einstürzt. Schade, jetzt habe ich einen Tag versäumt, na ja, nicht zu ändern. Jetzt mache ich mich jedenfalls gleich fertig, weil ich mich mit Benjamin treffe. Mal sehen wie es wird.


23:45
So, da bin ich wieder. War echt cool. Wir sind ein bissele in der Stadt rumgelaufen und haben bei Angelos ein Eis gegessen. Benjamin ist irgendwie total witzig, ständig blödelt und albert er rum, und ich muß lachen. Na ja, und außerdem ist er der totale Ringerfreak, noch mehr als Nils. Er meint, er kommt mal vorbei, wenn wir trainieren, und sagt mir dann, was ich besser machen kann. Hinterher wollten wir eigentlich noch ins JuZ gehen, aber da war absolut tote Hose, nur ein paar Ökos. Dann haben wir noch ewig an der Haltestelle gestanden, bis der letzte Bus kam. Blöd, daß Degendorf so relativ weit weg ist und die Busse hier so absolut blöde fahren. Auf jeden Fall habe ich beschlossen, daß ich mich nicht gleich wieder in ihn verknallen werde. Ich warte einfach ab, was passiert.

Donnerstag, 16. Mai 1996

16. Mai

»Ich gehe zum Bund.«
Gerade hat Phil angerufen und mir erzählt, daß er gestern bei der Musterung war. Ich glaube, ich spinne. Ich hab ihn richtig angeschrien. Aber er hat nur gemeint, er hat keinen Bock auf Zivildienst. So ein Idiot! Ich soll Mom und Dad noch nichts davon sagen. Na toll, das wird sowieso ein Riesen-Theater geben. So eine Scheiße!

Gerade mit Doris telefoniert und über Phil gesprochen. Manchmal verstehe ich sie auch nicht. Sie hat nur gesagt »Jeder muß eben seine eigenen Entscheidungen treffen.« Na toll, ganz super. Na ja, vielleicht hat sie auch ein bissele Recht, aber das heißt ja auch noch nicht, daß ich Phils Entscheidung toll finden muß. Nein, bestimmt nicht.

Mittwoch, 15. Mai 1996

15. Mai

»Stell dich nicht so dusselig an!«
Nils hat heute voll schlechte Laune gehabt. Ich weiß gar nicht, wieso. Dabei glaube ich, daß ich gar nicht so schlecht war. Na ja, was soll's ... Heten eben. Dafür geht es mir um so besser, denn gerade hat Benjamin angerufen, und wir haben uns für Freitag verabredet.

Das Buch ist irgendwie seltsam. Es ist teilweise ganz spannend und interessant. Aber dann sind einige Sachen schon wieder ziemlich strange. Abgesehen davon interessieren mich die Stories von irgendwelchen Lesben nun überhaupt nicht. Na ja, aber nette Bilder.

Dienstag, 14. Mai 1996

14. Mai

»Nun mach schon«, stieß mich Doris in die Seite. Wir waren in Stuttgart in einem großen Buchladen gelandet. Ihr Vater hatte uns in der City abgesetzt, und wir bummelten durch die Fußgängerzone. Na, jedenfalls habe ich dieses Buch »Schwul, na und?« gesehen. Eigentlich hatte ich mich gar nicht getraut, es überhaupt zu nehmen und darin zu blättern. Aber ich hab es dann doch getan. Irgendwann kam Doris von hinten an und wollte wissen, was ich denn Spannendes entdeckt habe. Ich zeigte ihr den Titel. Sie fand es o.k.

Es gab dann noch fast eine Szene, weil ich mich nicht getraut habe, damit zur Kasse zu gehen. Irgendwann riß sie mir das Buch aus der Hand und meinte, dann würde sie es eben kaufen. Na ja, das war mir dann doch zu blöd, so wollte ich ja nun auch nicht dastehen. Also stand ich in der Reihe vor der Kasse, und mein Herz klopfte total. Gott sei Dank war es der Kassiererin wohl völlig egal, wer da welches Buch kauft. Nicht auszudenken, wenn es so gewesen wäre wie in diesem Hella-von-Sinnen-Kondom-Sketch. Ich glaube, ich wäre im Boden versunken. Als wir draußen waren, haben wir uns nur angeguckt und mußten wie verrückt loslachen.

Dann haben wir wie blöd einen Laden gesucht, in dem Doris unbedingt einkaufen wollte. Ich fand den Namen »Skurril« für diesen Laden wirklich äußerst passend, was es da für Klamotten gibt, ist ja nun mehr als schräg, aber Doris war voll in ihrem Element. Jetzt werde ich noch ein bissele im Buch lesen.

Montag, 13. Mai 1996

13. Mai

»Willst du morgen mit nach Stuttgart kommen?« hat Doris gefragt. Ihr Vater holt sie wohl nach der Schule ab, und sie fahren nach Stuttgart, weil er was besorgen will. Ich hab ihr gesagt, daß ich es mir noch überlege. Eigentlich ist ja morgen Kraftraum und Training mit Nils angesagt. Andererseits ist es natürlich cool, mal wieder hier rauszukommen.


14:20
Alles o.k., ich treffe mich am Mittwoch mit Nils nach seinem Training. Die Jungs aus der ersten Mannschaft haben öfters Training, Nils redet kann immer von Kadertraining. Ich finde, das klingt total ostig.


20:45
Jubel! Cool, ich habe Florian gepinnt und richtig gut. Yeah, ich bin ja so gut. Und diesmal war es echt, ich glaube, sogar Dimitri war überrascht, obwohl er es nicht so gezeigt hat. Mir geht es richtig gut!

Sonntag, 12. Mai 1996

12. Mai

»Guck mal, Tim, das ist für Mami!«
Ich verstehe nicht, warum kleine Kinder immer so früh wach werden, und das ausgerechnet am Wochenende. Aber diesmal war ich Lisa dankbar. Sie zeigte mir, was sie im Kindergarten zum Muttertag gebastelt haben. Na klar, ich hab das natürlich völlig verschwitzt. Na ja, fast. Nach dem Frühstück sind wir zum Gartenmarkt gedüst, und ich habe Mom einen großen Topf mit Blumen für den Garten gekauft. Das war ziemlich heftig, das Teil den ganzen Weg zurückzuschleppen. Nils würde wahrscheinlich sagen »Gutes Training«, aber ich hab mich hinterher gefühlt, als würden meine Arme abfallen.


16:30
Cool, eben hat Benjamin angerufen und gefragt, ob wir uns irgendwann in der nächsten Woche treffen. Leider wohnt er in Degenhof, und der Bus dahin fährt nur ein paar Mal am Tag. Es ist total bekloppt, auf so einem Dorf zu wohnen. In Hamburg kommt man immer und überall hin, aber hier ist man echt angeschissen, wenn man irgendwo hin will. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir überlege, ob er vielleicht schwul sein könnte, aber ich will eigentlich gar nicht daran denken. Aber es ist komisch, irgendwie kommt es mir bei jedem Jungen, den ich niedlich finde, in den Kopf.


23:45
Mom und Dad sind wieder da. Soll wohl anstrengend gewesen sein. Mom hat sich riesig über die Blumen gefreut.

Samstag, 11. Mai 1996

11. Mai

»Tiiiiiiim!«
Mein Gott, was hab ich mir denn da eingehandelt? Um halb sieben stand Lisa in meiner Tür, und das am Samstag! Na ja, also aufgestanden, Frühstück gemacht, ein bissel mit Lisa gespielt und ferngesehen. Gerade hat Nils angerufen und mich daran erinnert, daß heute abend Wettkampf gegen Degenhof ist. Shit, völlig vergessen. Er meint, ich soll Lisa einfach mitbringen. Na ja, mal sehen.


23:20
Oha, fast zu spät zurückgekommen. War ein toller Abend. Unser Verein hat haushoch gewonnen. Obwohl ich nicht mit auf der Matte war, ist es total spannend gewesen. Zum Glück war Lisa beschäftigt und hat mit anderen Kids Pappbechertürme gebaut. Nils meint, wenn wir weiter zusammen trainieren, kann ich in einem Monat mitkämpfen. Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt schon will. Na ja, mal sehen. Auf jeden Fall habe ich einen netten Jungen aus Degenhof kennengelernt. Er heißt Benjamin (pff, noch einer) und hat lustige Augen. Eigentlich gehört er zur Mannschaft, aber weil er sich wohl eine Rippe gebrochen hat, konnte er nicht mitkämpfen. Wir haben lange gequatscht, und es war total komisch, weil jeder von uns immer die anderen Mannschaft angefeuert hat. Jedenfalls haben wir Telefonnummern ausgetauscht. Ich bin gespannt, ob er mal anruft.

Hinterher war ich dann noch mit den anderen Pizza essen. Schließlich ist Lisa irgendwann auf ihrem Stuhl eingeschlafen, und Florians Vater hat uns nach Hause gefahren. Zum Glück, denn gerade, als ich reinkam, klingelte das Telefon. Mom war dran und wollte wissen, ob alles o.k. ist. Na klar. Ächz! Lisa ist im Bett. Mal sehen, was es im TV gibt.