Sonntag, 1. März 1998

1. März

"Und das ist nur für dich. Naja, eigentlich für uns beide... ach mache es einfach auf..."
Nils hatte mir diese kleine Schachtel gegeben und ich hatte absolut keine Ahnung, was da drin sein könnte.

Aber vielleicht ja lieber der Reihe nach. Es ist alles so durcheinander, aber so schön durcheinander.
Kurz nachdem ich den letzten Eintrag gemacht habe, war Nils aufgewacht: "Komm sofort hierher", flüsterte er, "ich habe Lust auf dich."
Und ich hatte Lust auf ihn. Wir beide waren so geil aufeinander, dass wir so schnell und so viel abspritzen wie schon lange nicht mehr. Es war so toll.
"Mein kleines Sexmonster. Du hast gerade Sex mit einem Minderjährigen gehabt, ist dir das klar?"
Ich glaube, für den Bruchteil einer Sekunde muss ich wohl komisch geguckt haben, denn Nils zog mich sofort zu sich: "Hey, das war doch nur ein Scherz. Wann stehen deine Eltern auf?"
"Ich glaube, die sind nicht so sehr das Problem. Die kommen schon lange nicht mehr unangekündigt in mein Zimmer. Lisa allerdings... naja, anklopfen gibt es für sie nicht."
"Warum ist das alles nur so schwierig?"
"Ich weiß es nicht. Willst du noch duschen?"
"Lieber nicht. Das ist vielleicht wirklich zu brenzlig."
Ich schlich mich ins Bad, nahm frische Handtücher, machte sie naß und ging zurück in mein Zimmer.
"Ganz schön clever."

Es war schon eine merkwürdige Situation. Schweigend zogen wir uns an. Bevor wir mein Zimmer verließen noch ein ewig langer Kuß. Dann ganz leise nach unten schleichen, niemand da, alles ruhig.
"Wir sehen uns heute Abend wieder, ok?"
"Aber auf jeden!"

Zurück in mein Zimmer, ein Schlachtfeld. Na toll, Nils hat seine Sporttasche vergessen. Ich stopfe sie in den Schrank und arbeite mich durch das Chaos, sammele alles zusammen, Handtücher, Bettwäsche, meine Sportklamotten, bringe alles runter in den Keller in die Wäschebox.

Fenster aufmachen, ein ganz klein wenig Frühling, irgendwo singen tatsächlich schon Vögel. Habe ich in Hamburg Vögel singen gehört? Ich kann mich nicht erinnern.

Kurze Zeit später klopft Phil an meiner Tür: "Na, ist die Luft rein?"
"Ja, alles klar. Obwohl das alles schon sehr strange ist."
"Kann ich mir vorstellen. Lisa ist schon ganz hibbelig, sie will dir unbedingt ein Geburtstagslied vorsingen, das sie im Kindergarten gelernt hat."
"Na dann..."
 Es war toll, ich hätte beinahe geheult, dann kamen noch Mom und Dad und Oma dazu. So perfekt.

"Wie war es gestern Abend? Ich meine wohl eher heute früh?"
"Wahnsinn, und ihr wusstet alle davon?"
Mom und Dad grinsten. "Jetzt haben wir also zwei erwachsene Söhne", meinte Dad.
"Volljährig vielleicht ja, aber erwachsen...?", meinte Mom.

Dann kam die Geschenke-Orgie. Eigentlich mag ich ja gar nicht so sehr, Geschenke zu bekommen. Aber andererseits... Ich bekam einen neuen, größeren Monitor für meinen Computer. Yeah, bei dem alten Teil war wirklich fast alles nur noch verschwomme. Dann bekam ich tatsächlich ein Paar neuer Ringerschuhe und zwei neue Trikots.
"Wie seid ihr denn darauf gekommen?"
"Hast du dir deine Schuhe mal angeguckt? Ich weiss ja nicht, wie das bei euch so ist, aber ich glaube, wenigstens intakt sollten sie schon noch sein."
"Wie habt ihr denn...?"
Blick zu Phil. Der machte mit den Augen eine Bewegung, die mir alles erklärte: Nils!
Dann ein toller Bildband über den Architekten, der Paris im 19. Jahrhundert neu geplant hat und noch ein paar andere Dinge.

Aber das Verrückteste kam wirklich von Oma: Ein Sextant!
"Der hat deinem Großvater gehört. Und da du dich so für Astronomie und Mathematik interessierst dachte ich..." Wahnsinn, ich glaube ich habe den halben Nachmittag daran rumgepfriemelt, eine Anleitung aus dem Internet herausgesucht, ausprobiert.

Und dann essen, essen, essen, essen. Ich weiß ja nicht wie das bei anderen Familien so ist, aber meine Eltern scheinen bei Feiern immer zu glauben, dass noch ein Busladung ausgehungerter Ringer kommt, die das alles wegessen wird. Ich war sooooo satt, vor allem hat Oma ihren tollen Apfelkuchen gemacht. Ich hätte fast den ganzen Kuchen alleine aufessen können, wenn ich nicht irgendwann kurz vor dem Platzen gewesen wäre.

Ich ging vor die Tür, ich brauchte Luft. Nicht dass das alles zu viel gewesen wäre, aber ich brauchte einfach einen kleinen Augenblick für mich, durchatmen, verdauen. Irgendwann kam Dad dazu: "Jetzt bist du also auch volljährig."
Ich nickte nur und guckte ins Tal.
"Ist alles in Ordnung?"
"Doch. Ja. Mir geht's gut."
Er schaute mich an. Einfach nur so. Aber trotzdem fing mein Gehirn an zu arbeiten. Was passiert jetzt?
"Ich weiß", begann er, "dass das alles, der Umzug, die neue Schule, neue Freunde, dass das alles sicher nicht leicht für dich war."
"Dad, das ist schon ok. Ja, es war nicht leicht. Und ja, wenn ich ehrlich bin, wäre ich jetzt wirklich lieber in Hamburg, in unserem Haus. Aber jetzt bin ich hier. Jetzt sind wir hier. Ich habe neue Freunde gefunden, die Schule ist ok, der Verein ist ok und..."
Ich bekam gerade noch rechtzeitig die Kurve. Der Wein, den es zum Mittag gegeben hatte, war noch in meinem Kopf.
Er nickte. Dann sagte er: "Wenn es irgend etwas gibt, worüber du reden möchtest..."
Ich guckte ihn an. Das ist die Gelegenheit, dachte ich. Endlich könnte ich sagen, was wirklich mit mir los ist. Dass ich schwul bin, dass ich einen Freund habe. Einen Freund, der sogar letzte Nacht hier in diesem Haus war und mit mir geschlafen hat. Doch mir fehlte der Mut. Verdammt noch mal. Wenn ich das jetzt schreibe, könnte ich fast irre werden. Warum habe ich das nicht gemacht? Weiss er etwas? Ahnt er etwas? Will er es mir leicht machen? Oder glaubt er vielleicht nur, dass die ganz Umzugssache für mich so schwer ist?
"Alles ok, wirklich. Mir geht es gut."
Er nickte. Lisa kam auf uns zugestürmt: "Guck mal, was ich gemalt habe..."

Als nach dem Abendessen dann Nils, Doris, Clemens, Flo kamen, war es mir fast ein bissele zu viel. Also nicht wirklich zu viel, ich freute mich, aber ich war einfach müde, kaputt, körperlich völlig fertig. Der Wettkampf gestern, die Überraschungsparty, dann Nils bei mir, kaum geschlafen. Nein ich war wirklich glücklich aber ich merkte, wie mein Körper rebellierte. Egal, ich werde nur einmal 18 Jahre alt.

Und dann holte Nils sein Geschenk hervor: "Und das ist nur für dich. Naja, eigentlich für uns beide... ach mache es einfach auf..."
Eine kleine Schachtel. Ich guckte fragend in die Runde. Für den Bruchteil einer Sekunde schoß es mir in den Kopf, dass da vielleicht zwei Ringe drin liegen könnten. Aber nein, das würde er nie machen.
"Wisst ihr etwa was es ist?"
Doris schaute an die Decke. Was um alles in der Welt haben sie alle hinter meinem Rücken organisiert und geplant? Es ist so verrückt.
Ich hatte echt Herzklopfen, als ich die Schleife öffnete und den Deckel abhob. Zuert verstand ich nicht, was das war: Ein Bahnticket, zwei Bahntickets. Nach Berlin. Dann eine Hotelbuchung. Berlin. Darunter ein Computerausdruck aus dem Internet: "Christopher Street Day Berlin 1998".

Wir fahren nach Berlin. Nils, mein Nils und ich fahren zusammen nach Berlin. Zum Christopher Street Day! Nils geht mit mir zusammen dorthin!!?! Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich konnte nichts sagen, ich nahm ihn einfach nur in die Arme und drückte ihn, drückte ihn und heulte. Irgendwoher hörte ich Flo fragen, was denn "Christopher Street Day" eigentlich sei. Egal. Wieso sollte er das wissen? Doch für mich war es das beste Geschenk. Nils und ich zusammen. Ganz offen, keine Angst, kein Verstecken. Kopf hoch und rausschreien: "Schaut alle her: Das ist mein Freund, ich liebe ihn und niemand hat das Recht, sich da einzumischen!"

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