Sonntag, 14. Juli 1996

14. Juli

"Das schafft er nie im Leben."
Wir waren im Freibad. Eigentlich fast alle aus dem Verein und Nils kletterte auf den Sprungturm. Er wollte einen doppelten Salto vorführen. Mir wurde bei solchen Aktionen immer total mulmig zumute. Nicht daß ich nicht selber schon oft genug auf dem 3-Meter-Turm gestanden hätte und gesprungen wäre. Aber alles, was so in Richtung Salto geht, ist mir unheimlich. Naja, Nils schaffte es jedenfalls glänzend und ich beneidete ihn ein bißchen darum.
"Probiers mal, ist ganz leicht," meinte er, als er aus dem Becken stieg. "Nee, laß mal, das ist nix für mich."
Er grinste: "Du bist ein kleiner Feigling." Ich wußte, daß er es eigentlich nicht ernst meinte, aber es traf mich trotzdem. Also ließ ich ihn stehen und taperte zurück zu unseren Decken. So ein Arsch dachte ich. Aber er kam mir hinterher. Irgendwie schien er gemerkt zu haben, was er da für einen Mist gesagt hatte. "Sei nicht so empfindlich", meinte er.
"Schon ok", log ich. Irgendwie malte ich mir in diesem Moment aus, wie ich ihm weh tun könnte. Ich meine damit nicht körperlich. Anscheinend gibt es nichts, was Nils nicht besser kann, wo er nicht cooler ist. Ok, ich bin in der Schule besser als er. Aber bei allen anderen Sachen ist er besser. Und dafür hasse ich ihn irgendwie. Ich hasse ihn, für seine Selbtsicherheit, für seine Coolheit. Dafür, daß gerade das was er sagt immer gilt und richtig ist. Ich drehte mich auf den Rücken und guckte in die Sonne. Das ging natürlich nicht lange gut und ich schloß die Augen. Weiße Kreise tanzten in meinem Kopf.
"Tim?"
"Ja doch", antwortete ich so mürrisch wie es ging. Schweigen. Ich wußte nicht ob er noch da war. Dann nach einer halben Ewigkeit: "Warum sagst du eigentlich nie, was du denkst?" Was war denn das für ein Scheiß? Eigentlich wollte ich ihn fragend angucken. Statt dessen antwortete ich trotzig: "Weil es dich absolut nichts angeht!"
"Na wenn du meinst." Obwohl ich die Augen geschlossen hatte, konnte ich mir genau vorstellen, wie er mit seinen Schultern zuckte. Es schien ihn nichts wirklich treffen zu können. "Ich gehe nach vorne, soll ich was zu trinken mitbringen?"
"Nein." Dann zottelte er ab. Verdammt, warum fühle ich mich in solchen Situationen immer so hilflos?

Ich setzte mich auf und guckte mich um und schaute direkt in die Augen von einem Jungen, der ein paar Meter weiter weg lag. Ich meine, ich guckte und er guckte, wir beide guckten uns genau in die Augen. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, aber es schien mir wie eine Ewigkeit. Ich lächelte, aber er lächelte nicht zurück und dann guckte er weg. Shit, was sollte das denn jetzt? Aus den Augenwinkeln sah ich, daß er immer wieder zu mir rüberguckte. Ok, er sah nicht so berauschend aus, ziemlich klein und unheimlich dünn, aber sein Gesicht war hübsch. Als ich mich endlich dazu entschlossen hatte, noch mal ganz direkt zu ihm rüberzugucken, kamen die anderen an, naja und da war dann natürlich alles vorbei. Er drehte sich um und guckte auch nicht mehr zu mir rüber. Ich bin sogar direkt vor seiner Nase zu den Duschen langmarschiert. Aber er kam nicht hinterher. Scheiße, was soll's. Aber diese Sekunden, als wir uns in die Augen guckten, waren toll, wie ein heisser Lichtstrahl. Und etwas seltsames fällt mir jetzt gerade, wo ich das hier schreibe auf: Ich habe die ganzen letzten Tage nichts über mein Schwulsein geschrieben. Ja, ich habe wirklich daran gar nicht gedacht. Das ist schon komisch, fast habe ich vergessen, daß ich schwul bin, obwohl, kann man so was vergessen? Nein, bestimmt nicht, aber seltsam ist es schon.

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