Freitag, 23. Januar 1998

23. Januar

"Meine Güte, nicht so schnell!"
Ja was denn nun? Erst soll ich nicht fahren wie 'Klein Erna mit Plüschohren' und dann fahre ich angeblich zu schnell. Dabei bin ich gar nicht so schnell gefahren. Erste Fahrstunde. Es war richtig cool. Ich meine, auch der Fahrlehrer ist ganz ok. Obwohl er wirklich so ist, wie man sich einen Fahrlehrer vorstellt. Oder einen Taxifahrer. So mit Halbglatze und Lederweste. Aber irgendwie war es lustig. Als erstes war Flo dran und er hat das richtig gut gemacht. Nicht einmal hat er den Motor abgewürgt. Ich wette, er hat vorher irgendwo heimlich geübt. Ich hab zweimal irgendwie nicht richtig gekuppelt und dann ging der Motor aus. Aber trotzdem. Was wirklich komisch ist: Wenn ich mit dem Rad fahre, dann trete ich eben schneller, wenn ich schneller fahren will, bis ich nicht mehr kann. Mit dem Auto ist es ja eigentlich ähnlich, nur kann ich da einfach schneller fahren, ohne daß es anstrengender ist. Das ging irgendwie ganz automatisch, da war ich auf der Friedrichstraße auf 70 Kilometer und da meinte der Fahrlehrer eben, daß ich zu schnell fahre. Aber ich finde es super. Ich mache Führerschein, yeah!
Als wir zur Fahrschule zurück kamen, stand Nils da. Irgendwie muß er rausgekriegt haben, wann die Stunde zu Ende ist.
"Ist ja nicht mal eine Beule im Auto."
"Haben wir gelacht."
"Stundenlang. Und? Wie war es?"
"Cool. Einfach nur cool. Willst du dich wirklich nicht noch anmelden?"
"Ne, laß mal. Außerdem kann ICH dann abends, wenn wir weggehen, was trinken, wenn du einen Führerschein hast und fährst."
Ich grinste. Dann fand ich es auf irgendeine Art schon mutig. Also mutig deshalb, weil... naja, also er holt mich von der Fahrschule ab, redet davon, daß ich ihn ja fahren kann, wenn ich den Führerschein habe. Und das alles vor Flo, von dem Nils ja gar nicht weiß, daß der weiß... Habe ICH jetzt schon Verfolgungswahn?
"Und jetzt? Wollen wir nicht noch eine bissele ins Zollhaus oder so gehen?"
"Ich weiß nicht, ich wollte mich noch mit Ina treffen."
"Borrh, sie kann doch auch hinkommen."
"Ich meine treffen, nur zu zweit."
"Dann sag 'ficken' und nicht 'treffen'."
"TIM!" Beide, Flo und Nils, im Chor. Eigentlich hätte wahrscheinlich ich rot werden sollen. Statt dessen grinste ich nur.
Wir gingen doch noch ins Zollhaus und Ina kam irgendwann dazu und holte Flo ab.
"Und jetzt?", fragte Nils.
"Keine Ahnung. Wollen wir noch weiter tapern, in die Tofa, oder nicht?"
"Ich weiß nicht."
"Wenn du nicht weißt, dann nicht. Ich bin auch nicht so richtig drauf für die Tofa."
Auf dem Heimweg fragte ich Nils, ob er nicht Angst hätte, daß Flo etwas mitkriegen könnte, wenn er mich von der Fahrschule abholt und solche Sprüche wie vorhin abläßt. Nils blieb stehen, zog die Stirn kraus und guckte mich an: "Das hätte ich von dir jetzt aber nicht erwartet."
"Wie?"
"Seit wann bist du denn so übervorsichtig?"
"Ich bin nicht übervorsichtig. Ich denke nur, daran, daß du.... ach ich weiß auch nicht. War nur so eine Idee."
"Meinst du, er ahnt was?"
"Flo? Naja...."
Was sollte ich machen? Ich wollte nicht lügen.
"Das ist doch alles einfach nur beschissen. Dieses ganze Versteckspielen. Soll das jetzt ewig so weitergehen?"
"Ich weiß es nicht. Nein, soll es nicht. Aber was sollen wir denn machen?"
"Keine Ahnung."
"Nach dem Abi. Wenn wir zusammenziehen, nach Stuttgart oder so. Wenn wir an der Uni sind. Dann, dann spielen wir nicht mehr Versteck."
"Super, ganz toll. Herr Berger hat ja sein Leben wieder mal PERFEKT durchgeplant."
"Hast du eben nicht gesagt, daß du nicht mehr Versteck spielen willst?"
"Darum geht es doch gar nicht. Es geht darum, daß für dich ja anscheinend alles wieder sooo klar ist. Abi, Stuttgart, Uni und dann sollen alle wissen, daß du schwul bist. Daß WIR schwul sind."
Ich wollte nicht mehr darüber diskutieren. Dieses Thema haben wir schon so oft gehabt. Ich nahm ihn einfach in den Arm und küßte ihn: "Hältst du jetzt endlich mal den Mund?! Verdammt noch mal, ich liebe dich. Und ich möchte mit dir zusammen sein. Immer. Ewig. Ich möchte mit dir zusammen ziehen und ich will genauso wenig Versteck spielen wie du."
Als wir uns voneinander verabschiedeten, hatte er Tränen in den Augen. "Ich liebe dich", flüsterte er mir zu.

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