Sonntag, 11. Januar 1998

11. Januar

"Ist dein Knie wieder ok?"
"Ja, ich merke jedenfalls nichts mehr."
"Meinst du nicht, daß es besser ist, das wirklich mal untersuchen zu lassen?"
"Nein, ich meine nicht, daß ich das untersuchen lassen will."
"Wie männlich. Ein ganzer Kerl."
"Jaja, genauso muß ein Cowboy sein..."
"Dreckig, feige und gemein."
"Ich habe es übrigens Flo erzählt. Am Freitag."
"Was? Das mit deinem Knie?" Frauen können manchmal reichlich dusselig sein.
"Daß ich schwul bin."
"Wie jetzt? Einfach so?"
"Naja, nicht ganz einfach so. Er hat gefragt."
"Ha!", kreischte Doris heraus. "Gar nicht doof, der Flo."
"Anscheinend bin ich für alle auf der Welt ein offenes Buch, nur für mich nicht."
"Wie hat er denn reagiert?"
"Ich glaube, er war etwas enttäuscht, daß ich es ihm nicht schon längst gesagt habe. Aber sonst hat er eigentlich ganz ok reagiert. Das heißt eigentlich gar nicht. Es war eigentlich gar nicht mehr so besonders Thema."
"Geistige Reife eben."
"Jeez, ich glaube eher, daß er nun froh ist, daß er keine Angst mehr haben braucht, daß ich irgendwelche Mädels angrabe, hinter denen er her ist."
"Eingebildet bist du aber gar nicht, oder?"
"Nö, das hat ER gesagt."
"Und was meint Nils dazu, daß du inzwischen so locker rumläufst und dich überall outest?"
"Ich laufe doch nicht mit einem Schild rum und oute mich überall. Nils weiß nichts davon, daß Flo es weiß und Flo hat mir auch versprochen, daß er es Nils nicht sagt."
"Seid ihr kompliziert."
"Du weiß doch, wie Nils ist. Er würde ausrasten, vielleicht noch schlimmeres."
"Wie geht es dir denn nun damit, daß es Flo weiß?"
"Es ist ok, es ist irgendwie, als wenn es immer schon so war."
"Schön. Und wann wirst du es deinen Eltern sagen?"
"Ich weiß es nicht. Echt nicht. Daran will ich im Augenblick auch gar nicht denken. Wenn ich mitkriege, wie meine Mutter über Schwule denkt und redet. Bloß nicht. Ich glaube, ich werde ihr das nie sagen können."
"Irgendwann mußt du. Spätestens, wenn du mal mit einem Jungen zusammenlebst."
"One step after anotha, brotha!"
"Paß mal einen Moment auf Lena auf, ich muß in die Küche."
Also paßte ich auf Lena auf, die durch das Zimmer robbte und Schubladen aufzog.
"Wann bringst du ihr denn das Laufen bei?", rief ich.
"So was bringt man nicht bei, das kommt irgendwann", kam aus der Küche.
Lena zog sich an einem Stuhlbein hoch, ließ los und fiel auf den Hintern.
"Vielleicht mußt du einfach mal die Batterien wechseln."
"Du bist unmöglich. Du mußt doch noch wissen, wie es bei deiner kleinen Schwester war."
"Ich weiß nicht mehr genau, irgendwann konnte sie plötzlich laufen, glaube ich. Vielleicht haben meine Eltern heimlich irgendein Modul nachgerüstet."
"Und bei dir scheinen sie irgendein Modul vergessen zu haben."
"Habe ich eigentlich schon erzählt, daß ich demnächst Fahrschule mache?"
"Ja. Finde ich gut. Dann kannst du mich viel leichter immer hier besuchen und abholen."
"Erst mal ein Auto haben."
"Na DAS finanzieren dir doch deine Eltern locker, oder?"
"Das glaub ich eher nicht. Ich meine, Phil hat ja auch kein Auto. Das wird ein tolles Durcheinander geben, wenn ich dann mal den Wagen von Mom haben will."
"Dann nimmst du halt den von deinem Vater."
"Na klar, ich fahre mit diesem Schiff vor der Tofa vor. Kommt bestimmt total cool. Dann hänge ich mir noch eine dicke HipHop-Kette um, lade ein paar Mädels ins Auto, die mit den Titten wackeln und tanze um brennende Ölfässer rum. Yo, yo, yo!"
"Nein, ich glaube, das paßt dann doch nicht so ganz zu dir."

Aber ich freue mich echt auf den Führerschein. Das heißt natürlich, ich muß ihn ja erst mal machen. Aber dann wird es bestimmt total cool. Endlich nicht mehr dieses ewige Rumgegurke mit Fahrrad und Bus und dem Zug. Ich muß nur sehen, daß ich mir vielleicht echt einen Job in den Osterferien suche, damit mein Konto nicht so leer geräumt ist hinterher. Ich glaube, ich werde mal morgen Jürgen anrufen.

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