Dienstag, 3. März 1998

3. März

"Doch nicht etwa zu dieser Loveparade?"
"Nein. Nils hat da irgendwas von Probetraining erzählt. Also nicht direkt in Berlin. In so einem vorort, Luckenwalde oder so."
"Du willst nach Berlin zum Ringen?"
"Mom, bitte, nicht ich sondern Nils. Also vielleicht. Aber vielleicht nehmen sie ihn ja auch nicht. Aber ich dachte, da könnte ich mitfahren."
"Aber nicht mit dem Auto." War das jetzt Moms einzige Sorge?
"Nein, wahrscheinlich mit der Bahn. Und nein Lisa, Nutella paßt nicht mehr auf mein Marmeladenbrötchen."
"Von mir aus. Ich verstehe zwar nicht, warum man nach Berlin oder in die Provinz nach Brandenburg zum Ringen fahren muss, aber ich verstehe ja in letzter Zeit sowieso immer weniger."


So, dann wäre DAS jetzt wenigstens schon mal in die richtige Bahn geleitet. Und mit nur sehr wenig Lügen.

Ich habe doch tatsächlich Muskelkater vom Training mit Walter. Schon verrückt. Da habe ich noch vor kurzem geglaubt, ich würde gar nicht so schlecht ringen und dann taucht er auf und ich fühle mich wieder wie der totale Anfänger. Aber ja eigentlich auch gar kein Wunder, wenn der sein ganzes Leben nichts anderes gemacht hat. Jedenfalls habe ich Nils gesagt, dass ich heute nicht zum Krafttraining gehen kann.
"Benji hat eh gesagt, dass ich zu viel mit Kraft und zu wenig mit Technik mache."
"Ach so und deshalb machst du jetzt kein Krafttraining mehr? Nur weil dieser Clown dir irgendwas erzhält."
"Nein, meine Güte", ich wechselte rasch das Thema: "Ich habe heute früh übrigens mit meinen Eltern gesprochen, es geht alles klar. Wir fahren nach Berlin."
Nils grinste: "Tim und die großen Städte. Wo führt das alles hin?"

Montag, 2. März 1998

2. März

"Was haben deine Eltern eigentlich gesagt?"
"Wozu?"
"Dass wir nach Berlin fahren."
"Ich habe ihnen noch gar nichts davon gesagt." Shit! Natürlich, ich kann ihnen ja schlecht sagen, dass ich mit meinem Freund zusammen nach Berlin zur größten Schwulenparade fahre. In meinem Kopf arbeitete es.
"Hast du deinen Eltern schon was gesagt?"
"Ja, ich habe gesagt, dass ich nach Luckenwalde zum Probetraining fahre."
"Nach Luckenwalde. Zum Probetraining. Das stimmt doch jetzt nicht. Oder doch? Hat sich doch jemand gemeldet von den Sichtungskämpfen?"
"Nein."
"Du lügst also deine Eltern an."
"Ja natürlich. Jetzt tu doch nicht so überrascht. Das machst du doch genau so. Andauernd. Oder erzählst du ihnen, was mit uns ist? Was wir im Bett machen?"
Das ist schwierig. Natürlich hat er recht. Aber irgendwie ist das doch etwas anderes, eine Sache zu verschweigen, nicht die ganze Wahrheit zu sagen oder eben ganz direkt anlügen.Von einer Minute auf die andere war meine gute Stimmung weg.
"Ich könnte natürlich mal in Luckenwalde fragen, ob wir da ein Probetraining mitmachen können. Dann gehen wir erst zum Probetraining und hinterher zur Parade."
"Und ich werde ganz bestimmt zusammen mit dir in die Bundesligamannschaft von denen aufgenommen."
"Vielleicht ja als mein persönlicher Assitent."
"Das könnte dir so passen." Ich warf mich auf Nils und wir rollten halb kichernd, halb ernsthaft auf der Matte rum bis Mahmout dazwischen ging: "Ihr hab nachher noch genug Zeit, euch auszupowern. Jetzt begrüßt erst mal unseren Neuzugang."
Schon wieder jemand Neues, dachte ich, hoffentlich nicht wieder so ein Schnuckel wie Marcel, der sich dann als halber Arsch entpuppt.
"Das ist Walter", stellt Mahmout den Neuen vor.
"Walter. So, so", gluckste Kevin und fing sich dafür einen bösen Blick vom Trainer ein.
Walter sah gar nicht so aus als würde er Walter heissen. Er war etwa genau so groß wie ich und so wie ich das einschätzen konnte war er wahrscheinlich sogar in der gleichen Gewichtsklasse. Walter kam also aus Kasachstan, oder Usbekistan, oder Lampukistan... jedenfalls aus irgendeinen dieser stan-Länder, die plötzlich überall auftauchten. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Wieso heißt jemand von dort Walter?
Mahmout teilte ihn mir jedenfalls als Trainingspartner zu. "Na dann viel Spaß", Nils grinste, was ich erst gar nicht verstand. "So schlecht wird er ja wohl nicht sein", meinte ich.
Ich sollte recht behalten. Aber nicht so, wie ich eigentlich gedacht hatte. Und mir wurde klar, warum Nils so gegrinst hatte.
Walter ist... ich weiss gar nicht wie ich das beschreiben soll, er ist eisenhart. Schon beim Einfädeln merkte ich, dass er jede Bewegung total präzise und sehr energisch machte. Als es dann an das Trainings des ersten Griffs ging, bekam ich fast keine Luft mehr, so heftig packte er zu.
"Hey, langsam, das ist doch nur Grifftraining."
"Tut mir leid. Ich kann mich nicht immer so bremsen."
"Ach ja", rief Mahmout in die Runde, "Walter war übrigens ein paar Mal Jugendmeister in seiner Heimat."
Das war es also. Na toll. Nils, hatte wohl so was geahnt, deshalb hatte er so gegrinst. Und ich hatte das ganze Training über so einen Crack als Trainingspartner, wo jeder Griff, den er ansetzte weh tat. Nicht dass er wirklich brutal war. Aber alles was er machte war so präzise, die Kraft war so auf den Punkt. Und dann war sein Körper so merkwürdig hart, dass allein schon jeder Kontakt mit ihm weh tat.
Ich war jedenfalls froh als das Training mit ihm vorbei war. Auf einen Sparringskampf habe ich gleich ganz verzichtet.
"Na, hat er dich am Leben gelassen?"
"Ich glaube, morgen tut mir alles weh."
"Dann nimm halt eine Tablette Ibu bevor zu Schlafen gehst und höre auf zu jammern."
"Du hast gut reden, du hast ja nicht mit ihm trainiert."
"Aber jetzt", meinte Nils, stand auf und ging zu Walter rüber.
Du meine Güte, dachte ich. Das muss doch jetzt nicht sein. Aber es war ein richtig ausgeglichener Kampf. Das was Nils an Kraft und Härte fehlte, machte er tatsächlich durch seine diversen Techniken und seine Wendigkeit wieder wett. Am Ende hatte jeder von beiden einen Kampf gewonnen.
"Hat Spaß gemacht", sagte er als er sich neben mich auf die Matte fallen ließ. Und ich glaubte ihm das sogar. Mein kleiner verrückter Nils. Endlich hat er mal einen vernünftigen Gegner im Training.

Auf dem Heimweg unterhielten wir uns darüber, was wir alles in Berlin an dem Wochenende machen würden. Bestimmt gibt es eine Party nach der Parade. Oder mehrere. Ich bin wieder total aufgeregt. Und ich werde Mom und Dad sagen, dass wahrscheinlich ein paar Leute vom Verein planen, im Juni nach Luckenwalde zu einem Probetraining zu fahren und dass ich ganz gerne mitfahren würde. Natürlich würde ich nicht zum Probetraining gehen, dafür wäre ich schließlich viel zu schlecht. Und so hätte ich jedenfalls nicht ganz gelogen, nicht ganz richtig. Oder so.
"Dir scheint es ja richtig gut zu gehen."
"Ja, allerdings. Hast du davon gewußt? Ich meine von Nils' Geschenk?"
"Nein, absolut nicht. Er hat absolut nichts durchblicken lassen."
"Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet er mit mir zum Christopher Street Day nach Berlin fährt."
"Er liebt dich eben."
Ich nickte. Ja, Doris hat recht. Und ich liebe ihn auch. Und ich bin glücklich. Ich habe so coole Freunde, eine tolle Familie und den liebsten Nils der Welt. Der grinste mich heute sowieso den ganzen Tag an. Ich glaube er freut sich total, dass ihm die Überraschung so gelungen ist


Ich war so aufgedreht, dass ich beinahe einen Unfall während der Fahrstunde gemacht hätte weil ich zu schnell in die Kurve an der Autobahnabfahrt gefahren bin. Also ganz so richtig ist Autofahren nicht mein Ding.

Jetzt mache ich mich fertig für's Training. Ich bin immer noch total aufgedreht und voller Energie

Sonntag, 1. März 1998

1. März

"Und das ist nur für dich. Naja, eigentlich für uns beide... ach mache es einfach auf..."
Nils hatte mir diese kleine Schachtel gegeben und ich hatte absolut keine Ahnung, was da drin sein könnte.

Aber vielleicht ja lieber der Reihe nach. Es ist alles so durcheinander, aber so schön durcheinander.
Kurz nachdem ich den letzten Eintrag gemacht habe, war Nils aufgewacht: "Komm sofort hierher", flüsterte er, "ich habe Lust auf dich."
Und ich hatte Lust auf ihn. Wir beide waren so geil aufeinander, dass wir so schnell und so viel abspritzen wie schon lange nicht mehr. Es war so toll.
"Mein kleines Sexmonster. Du hast gerade Sex mit einem Minderjährigen gehabt, ist dir das klar?"
Ich glaube, für den Bruchteil einer Sekunde muss ich wohl komisch geguckt haben, denn Nils zog mich sofort zu sich: "Hey, das war doch nur ein Scherz. Wann stehen deine Eltern auf?"
"Ich glaube, die sind nicht so sehr das Problem. Die kommen schon lange nicht mehr unangekündigt in mein Zimmer. Lisa allerdings... naja, anklopfen gibt es für sie nicht."
"Warum ist das alles nur so schwierig?"
"Ich weiß es nicht. Willst du noch duschen?"
"Lieber nicht. Das ist vielleicht wirklich zu brenzlig."
Ich schlich mich ins Bad, nahm frische Handtücher, machte sie naß und ging zurück in mein Zimmer.
"Ganz schön clever."

Es war schon eine merkwürdige Situation. Schweigend zogen wir uns an. Bevor wir mein Zimmer verließen noch ein ewig langer Kuß. Dann ganz leise nach unten schleichen, niemand da, alles ruhig.
"Wir sehen uns heute Abend wieder, ok?"
"Aber auf jeden!"

Zurück in mein Zimmer, ein Schlachtfeld. Na toll, Nils hat seine Sporttasche vergessen. Ich stopfe sie in den Schrank und arbeite mich durch das Chaos, sammele alles zusammen, Handtücher, Bettwäsche, meine Sportklamotten, bringe alles runter in den Keller in die Wäschebox.

Fenster aufmachen, ein ganz klein wenig Frühling, irgendwo singen tatsächlich schon Vögel. Habe ich in Hamburg Vögel singen gehört? Ich kann mich nicht erinnern.

Kurze Zeit später klopft Phil an meiner Tür: "Na, ist die Luft rein?"
"Ja, alles klar. Obwohl das alles schon sehr strange ist."
"Kann ich mir vorstellen. Lisa ist schon ganz hibbelig, sie will dir unbedingt ein Geburtstagslied vorsingen, das sie im Kindergarten gelernt hat."
"Na dann..."
 Es war toll, ich hätte beinahe geheult, dann kamen noch Mom und Dad und Oma dazu. So perfekt.

"Wie war es gestern Abend? Ich meine wohl eher heute früh?"
"Wahnsinn, und ihr wusstet alle davon?"
Mom und Dad grinsten. "Jetzt haben wir also zwei erwachsene Söhne", meinte Dad.
"Volljährig vielleicht ja, aber erwachsen...?", meinte Mom.

Dann kam die Geschenke-Orgie. Eigentlich mag ich ja gar nicht so sehr, Geschenke zu bekommen. Aber andererseits... Ich bekam einen neuen, größeren Monitor für meinen Computer. Yeah, bei dem alten Teil war wirklich fast alles nur noch verschwomme. Dann bekam ich tatsächlich ein Paar neuer Ringerschuhe und zwei neue Trikots.
"Wie seid ihr denn darauf gekommen?"
"Hast du dir deine Schuhe mal angeguckt? Ich weiss ja nicht, wie das bei euch so ist, aber ich glaube, wenigstens intakt sollten sie schon noch sein."
"Wie habt ihr denn...?"
Blick zu Phil. Der machte mit den Augen eine Bewegung, die mir alles erklärte: Nils!
Dann ein toller Bildband über den Architekten, der Paris im 19. Jahrhundert neu geplant hat und noch ein paar andere Dinge.

Aber das Verrückteste kam wirklich von Oma: Ein Sextant!
"Der hat deinem Großvater gehört. Und da du dich so für Astronomie und Mathematik interessierst dachte ich..." Wahnsinn, ich glaube ich habe den halben Nachmittag daran rumgepfriemelt, eine Anleitung aus dem Internet herausgesucht, ausprobiert.

Und dann essen, essen, essen, essen. Ich weiß ja nicht wie das bei anderen Familien so ist, aber meine Eltern scheinen bei Feiern immer zu glauben, dass noch ein Busladung ausgehungerter Ringer kommt, die das alles wegessen wird. Ich war sooooo satt, vor allem hat Oma ihren tollen Apfelkuchen gemacht. Ich hätte fast den ganzen Kuchen alleine aufessen können, wenn ich nicht irgendwann kurz vor dem Platzen gewesen wäre.

Ich ging vor die Tür, ich brauchte Luft. Nicht dass das alles zu viel gewesen wäre, aber ich brauchte einfach einen kleinen Augenblick für mich, durchatmen, verdauen. Irgendwann kam Dad dazu: "Jetzt bist du also auch volljährig."
Ich nickte nur und guckte ins Tal.
"Ist alles in Ordnung?"
"Doch. Ja. Mir geht's gut."
Er schaute mich an. Einfach nur so. Aber trotzdem fing mein Gehirn an zu arbeiten. Was passiert jetzt?
"Ich weiß", begann er, "dass das alles, der Umzug, die neue Schule, neue Freunde, dass das alles sicher nicht leicht für dich war."
"Dad, das ist schon ok. Ja, es war nicht leicht. Und ja, wenn ich ehrlich bin, wäre ich jetzt wirklich lieber in Hamburg, in unserem Haus. Aber jetzt bin ich hier. Jetzt sind wir hier. Ich habe neue Freunde gefunden, die Schule ist ok, der Verein ist ok und..."
Ich bekam gerade noch rechtzeitig die Kurve. Der Wein, den es zum Mittag gegeben hatte, war noch in meinem Kopf.
Er nickte. Dann sagte er: "Wenn es irgend etwas gibt, worüber du reden möchtest..."
Ich guckte ihn an. Das ist die Gelegenheit, dachte ich. Endlich könnte ich sagen, was wirklich mit mir los ist. Dass ich schwul bin, dass ich einen Freund habe. Einen Freund, der sogar letzte Nacht hier in diesem Haus war und mit mir geschlafen hat. Doch mir fehlte der Mut. Verdammt noch mal. Wenn ich das jetzt schreibe, könnte ich fast irre werden. Warum habe ich das nicht gemacht? Weiss er etwas? Ahnt er etwas? Will er es mir leicht machen? Oder glaubt er vielleicht nur, dass die ganz Umzugssache für mich so schwer ist?
"Alles ok, wirklich. Mir geht es gut."
Er nickte. Lisa kam auf uns zugestürmt: "Guck mal, was ich gemalt habe..."

Als nach dem Abendessen dann Nils, Doris, Clemens, Flo kamen, war es mir fast ein bissele zu viel. Also nicht wirklich zu viel, ich freute mich, aber ich war einfach müde, kaputt, körperlich völlig fertig. Der Wettkampf gestern, die Überraschungsparty, dann Nils bei mir, kaum geschlafen. Nein ich war wirklich glücklich aber ich merkte, wie mein Körper rebellierte. Egal, ich werde nur einmal 18 Jahre alt.

Und dann holte Nils sein Geschenk hervor: "Und das ist nur für dich. Naja, eigentlich für uns beide... ach mache es einfach auf..."
Eine kleine Schachtel. Ich guckte fragend in die Runde. Für den Bruchteil einer Sekunde schoß es mir in den Kopf, dass da vielleicht zwei Ringe drin liegen könnten. Aber nein, das würde er nie machen.
"Wisst ihr etwa was es ist?"
Doris schaute an die Decke. Was um alles in der Welt haben sie alle hinter meinem Rücken organisiert und geplant? Es ist so verrückt.
Ich hatte echt Herzklopfen, als ich die Schleife öffnete und den Deckel abhob. Zuert verstand ich nicht, was das war: Ein Bahnticket, zwei Bahntickets. Nach Berlin. Dann eine Hotelbuchung. Berlin. Darunter ein Computerausdruck aus dem Internet: "Christopher Street Day Berlin 1998".

Wir fahren nach Berlin. Nils, mein Nils und ich fahren zusammen nach Berlin. Zum Christopher Street Day! Nils geht mit mir zusammen dorthin!!?! Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich konnte nichts sagen, ich nahm ihn einfach nur in die Arme und drückte ihn, drückte ihn und heulte. Irgendwoher hörte ich Flo fragen, was denn "Christopher Street Day" eigentlich sei. Egal. Wieso sollte er das wissen? Doch für mich war es das beste Geschenk. Nils und ich zusammen. Ganz offen, keine Angst, kein Verstecken. Kopf hoch und rausschreien: "Schaut alle her: Das ist mein Freund, ich liebe ihn und niemand hat das Recht, sich da einzumischen!"
"Aufwachen, wir sind da!"
Ich war tatsächlich auf der Rückfahrt eingeschlafen. Nils küsste mich auf die Stirn: "Los jetzt, wir müssen aussteigen."
Die anderen waren anscheinend alle schon ausgestiegen. Im Bus war es wunderschön warm aber als ich ausstieg und auf dem Parkplatz vor unserem Vereinshaus stabd traf mich der eisige Wind.
"Wo sind denn die anderen?"
"Die sind schon drin, wir sollen alle noch mal zusammen kommen."
"Wie spät ist es denn?" wollte ich wissen.
"Keine Ahnung."
Also taperte ich Nils hinterher. So langsam wurde ich wieder etwas klarer im Kopf. Vermutlich wollte uns Dimitri noch irgendwelche tollen Tips mit auf den Weg geben.
Und dann machte ich dir Tür zur Trainingshalle auf. Da standen sie alle in einem großen Kreis, da standen sogar noch Doris und Phil und alle schrieben: "Happy Birthday!"
Es dauerte ein paar Sekunden bis ich alles in meinem Kopf zusammenbekam. Tatsächlich, die Uhr in der Halle zeigte kurz nach zwölf.
"Was ist denn, ich meine wie..."
Ich kam nicht weiter, Nils hob mich hoch, als würde er einen Überwurf machen wollen, übergab mich an Flo, der weiter an Kevin und dann die ganze Mannschaft durch. Ich wurde getragen, gedreht, durch die Luft gewirbelt, hin und her geschüttelt bis mich schließlich am Ende Phil und Doris auffingen.
Irgendwo knallte ein Sektkorken, aus den Lautsprechern kam "Happy Birthday" von Stevie Wonder und ich stand da und konnte das Ganze immer noch nicht fassen. Händeschütteln, Schulterklopfen. Ich konnte immer noch nichts sagen. Sogar Werner und Dimitri waren dageblieben gratulierten mir.
"Zum Glück", sagte Nils, "bist du eingeschlafen. Sonst hätte der Busfahrer noch einen Umweg fahren müssen."
"Alles Gute zum Erwachsenwerden", Phil drücke mich und danach Doris: "Jetzt bist du volljährig und bestimmt wirst du ja irgend wann auch mal erwachsen", lachte sie.
Das war wirklich die geilste Geburtstagsüberraschung überhaupt. Ich kriege jetzt noch ein Gänsehaut wenn ich daran denke.

"Wie habt ihr denn das alles so hinbekommen?" wollte ich wissen. Phil fuhr uns nach Hause und sagte: "Nils hat das alles organisiert und er hat angerufen, als ihr in Degendorf losgefahren seid."
Nils grinste und schien sich total zu freuen, dass seine Überraschung so gelungen war. "Zum Glück paßte das alles mit der Zeit so perfekt. Sonst hätten wir irgendwie improvisieren müssen, Dimitri hätte irgendwas noch besprechen müssen und so."
Ich schüttelte den Kopf: "Ihr seid verrückt."
"Nils ist verrückt", sagte Doris, "wir waren einfach nur da."
Ich drückte sie ganz fest: "Danke."
"Nächster Halt: Tannenhof."
"Wir sehen uns heute Abend bei mir, ok?"
"Aber klar", sagte Doris.

"Ist das alles verrückt." In meinem Kopf, drehte sich alles und das lag nicht am Wettkampf, nicht an den Kämpfen. Phil hielt an der Kreuzung, wo er zu Nils abbiegen musste. Wir guckten uns alle drei an. "Haben Mom und Dad eventuell auch eine Überraschungsparty geplant?" wollte ich wissen.
"Nein", sagte Phil. Ich habe ihnen von der Aktion bei euch erzählt und ihnen gesagt, dass es bestimmt spät wird. Sie pennen also garantiert schon. Ich guckte zu Nils und dann zu Phil, dann wieder zu Nils. Er nickte.
"Eure Entscheidung", meinte er.
Ich nickte auch. Phil fuhr weiter. Unser Haus lag war dunkel, Mom, Dad und Oma schliefen also wirklich. Phil versuchte so leise wie möglich den Wagen in die Auffahrt rollen zu lassen. Leise die Tür aufschliessen, lange Übung. Leise die Treppe rauf. Mein Zimmer. Tür abschließen. Nils und ich fallen übereinander her. Ich kann nicht anders, ich fange an zu heulen. So glücklich bin ich.

Jetzt ist es mitten in der Nacht. Nein, eigentlich schon am Morgen. Nils schläft still und friedlich neben mir. Ich bin 18 Jahre alt. Ich bin volljährig. Ab jetzt kann ich eigentlich alles machen, was ich will. Niemand kann mir vorschreiben, was ich tun soll. Aber stimmt das wirklich? Bin ich jetzt wirklich so frei, das ich alles machen kann? Nein, ich kann nicht morgen früh mit Nils ganz selbstverständlich zum Frühstück runtergehen. Ich muß ihn irgendwie aus dem Haus schmuggeln, wir müssen uns verstecken, als wenn wir etwas gemacht haben, was illegal ist.
Aber ich will mich jetzt nicht ärgern. Der Tag war viel zu schön. Nils, mein Nils hat mir die größte Überraschung überhaupt gemacht. Und die Jungs im Verein, Doris, Phil... alle waren da.
Es war, nein es IST schön!